Saisonziel: Zwölfter Platz

scf Es klingt wie ein Klischee. „Ich freue mich über den Klassenerhalt.“ Schlimmer noch: Es klingt erschreckend unambitioniert. Welches geringere Ziel könnte man schließlich formulieren? Es wird kaum einen Fußballfan geben, der sagt: „Ich freue mich über den Abstieg. Abstieg ist mein Mindestziel.“ Und trotzdem, ich sage es hiermit: Ich freue mich über den Klassenerhalt.

In Ordnung, machen wir es ambitionierter: Mein Saisonziel wäre der 12. Platz. Klingt noch schrecklicher, oder? Wo „Klassenerhalt“ wenigstens noch nach Abstiegskampf schreit, nach Blut, Schweiß, Tränen und am Ende einem geschundenen, jubelnden Menschen, der als glücklicher Überlebender einer brutalen Keilerei um die hintersten Tabellenplätze über den zertretenen Rasen humpelt, da klingt „12. Platz“ nach Niemandsland. Nach gähnender Langeweile. Was für ein Ziel kann es sein, im Mittelfeld landen zu wollen. Wie langweilig ist das denn?

Stimmt. Und ist doch falsch. Denn im Endeffekt, und jetzt kommen wir der Sache also schon näher, geht es mir gar nicht um irgendeinen Tabellenplatz. Ich freue mich auf Fußball. Auf guten Fußball. Von meiner Mannschaft. Klingt noch mehr nach Klischee? Ja. Also fangen wir anders an: Wenn der SC Freiburg zum Saisonauftakt gegen Eintracht Frankfurt spielt, hoffe ich auf einen Sieg. Wenn er am 2. Spieltag gegen Borussia Mönchengladbach spielt, hoffe ich auf einen Sieg. Wenn er die Woche drauf gegen den BVB spielt, hoffe ich, entgegen aller Wahrscheinlichkeiten, auf einen Sieg. Und wenn der SC dann am Ende alle die 34 Spiele gewonnen hätte, bei denen ich vorher auf Sieg gehofft habe, dann wäre er ungeschlagener Meister. Nur weiß ich eben: Das wird so nicht passieren. Ich werde hoffen – und Freiburg wird verlieren. Hoffentlich nicht ganz so häufig, aber es wird passieren.

In Schönheit sterben

Und trotzdem: Ich freue mich auf die neue Saison, weil ich vor jedem Spiel einfach auf ein gutes Spiel hoffen werde. Den sprichwörtlichen (und ebenfalls akut floskelgefährdeten) „schönen Fußball“. Und, ganz ehrlich: Ich bin guter Dinge, dass mir der SCF diesen schönen Fußball präsentieren wird. Wenn Freiburg eines in der Vergangenheit gut konnte, dann war es schließlich schön zu spielen und am Ende in Schönheit zu sterben. Also, seien wir ehrlich: Mich freut auch das ebenso berühmte „dreckige 1:0“. Aber nicht ganz so sehr. Spektakel, schöne Pässe, gesalzen mit ein paar haarscharfen Torraumszenen fürs Herzrasen wären mir unter dem Strich doch wichtiger. Genauso wie konzentrierte Abwehrleistungen, orchestersynchronisierte Pressingbewegungen, und ein paar junge Leute auf dem Platz, die ihre Zukunft noch vor sich haben, und bei denen ich dann in ein paar Jahren sagen kann: „Den hab ich schon gekannt, als er noch beim SC Freiburg spielte.“

Für all das bin ich Freiburg-Fan.

Deswegen ärgere ich mich, wenn uns mal wieder ein junger Spieler für teures Geld verlässt, aber ich nehme es gleichzeitig gelassen. Und ja, natürlich, ich würde mich freuen, wenn der SC wider Erwarten mit einer Siegesserie auf den 6. Platz der Liga stürmt. Ja, ich sage es hiermit laut und deutlich: Ich würde mich freuen. Sehr sogar. Ich halte es für völlig phantastisch und utopisch, aber ich habe es auch vor zwei Jahren für völlig phantastisch und utopisch gehalten. Also: Ja, freuen würde ich mich. Sehr. Trotz Europapokal-Belastungs-Gedöns. Wir waren vergangene Saison nicht schlechter, weil wir Europapokal-Belastungs-Gedöns hatten. Wir waren schlechter, weil sich die Mannschaft erst noch einspielen musste. Hätten wir die Jungs aus der Saison vorher behalten, wären wir auch durch die Gruppenphase durch. Bestimmt. Und außerdem: Egal. Spaß war es trotzdem. Schon allein die Vorfreude. Die Vorfreude ist eh häufig das schönste. Und deswegen sage ich hiermit auch allen Kleine-Vereine-versauen-uns-den-Uefa-Koeffizient-Nörglern: Dann kauft uns kleinen Vereinen doch einfach nicht in der Sommerpause die Spieler weg. Danke.

Spektakel, bitte!

Bis dahin werde ich einfach jede Woche aufs Neue auf einen Sieg hoffen, mich bei einer Niederlage nicht übermäßig grämen, solange ich Spektakel hatte (und sie nicht zu häufig auftauchen, die Niederlagen), und mich am Ende über einen 12. Platz freuen, der einfach besagt, dass mein SC Freiburg zehn bis zwölf Spiele gewonnen hat (in den vergangenen fünf Jahren wurde man drei Mal mit zehn gewonnen Spielen Zwölfter). Das waren immerhin zehn bis zwölf Mal Grund zum Feiern, und das 2:2 gegen den BVB feiern wir dann gleich auch noch mit.

Und genau deswegen ist mein Saisonziel 12. Platz. Oder eben auch genau nicht. Weil mir der Platz am Ende eben egal ist.

Solange es kein Abstiegsplatz ist.

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5 Gedanken zu “Saisonziel: Zwölfter Platz

  1. Tiefstapeln kanns du, das muss ich dir lassen. Aber es stimmt schon, Freiburg ist eine Wundertüte.
    Als Gladbacher weiß ich, dass ein Sieg im Dreisamstadion keine Selbstverständlichkeit ist. Ich hab gerade noch einmal nachgeschaut: 5 Niederlagen in Folge. Mit Schönspielen alleine schafft man das nicht.
    Ich bin gespannt, womit uns die Breisgauer diese Saison überraschen. Hoffentlich setzt es am 2. Spieltag nicht wieder eine Auswärtsklatsche für meine Gladbacher.

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    • Interessant. War mir gar nicht bewusst, dass wir so eine deutliche Bilanz gegen Gladbach hatten zuletzt, auch wenn mir in der Tat einige Siege gegen euch in Erinnerung sind.

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  2. Freiburg ist für mich ein Phänomen. Von außen betrachtet hat der komplette Verein die Ruhe weg, bastelt Saison für Saison ein tolles, junges Team zusammen, das nach 34 Spieltagen mindestens ein, zwei schwerwiegende Abgänge zu verzeichnen hat – und trotzdem hält man sich ganz ohne große Investoren und Geldgeber in der Bundesliga, hat es sogar mal nach Europa geschafft.

    Es ist eine blöde Floskel, aber man hat das Gefühl, dass selbst ein Abstieg kein Beinbruch für das Umfeld darstellen würde. Der Verein ist mir sympathisch mit seinem Konzept und seiner Art Fußball zu spielen. Gerade deshalb wäre es schön, wenn der SCF in der Liga bliebe.

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    • Jürgen Klopp hat mal vor ein oder zwei Jahren ein Auswärtsspiel in Freiburg kommentiert sinngemäß: „Ich sage meinen Jungs immer, sie dürfen sich hier nicht einlullen lassen von der hübschen Landschaft und der friedlichen Umgebung, sonst gehst du hier auf dem Platz unter.“

      Ich glaube es ist schon was wahres dran, dass das Umfeld relativ ruhig ist, gerade verglichen mit manch anderen Bundesliga-Standorten. Ich habe auch gelegentlich schon Kommentare von überzeugten Ultras gehört, dass das Freiburger Publikum etwas „zu fair“, und zu fröhlich sei.

      Wobei das dann auch nur eine Seite der Medaille ist. Dass die Völker in Baden-Württemberg sich auch ganz gut zum Wutbürger eignen, dürfte ja mittlerweile hinlänglich bekannt sein. Bei den Diskussionen um den Stadionneubau ließ sich das in den vergangenen Monaten auch in Freiburg bewundern. Dazu gibt’s bestimmt auch nochmal irgendwann einen Blog-Eintrag von mir, das Thema ist nämlich noch lange nicht durch…

      Die Gelassenheit hat aber sicherlich auch damit zu tun, dass man zuletzt mit der nachrückenden Jugend aus den U-Mannschaften ganz gut gefahren ist, dank diverser Verkäufe ist auch das Konto sehr stabil. Man kann also immer hoffen, wieder auf die Füße zu fallen. Aber auch das wäre fast ein eigenes Blog-Thema.

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