Heimatlos ins Heimspiel

Wenn sich heute Nachmittag in der ersten Runde des DFB-Pokals die Stuttgarter Kickers und Borussia Dortmund gegenüberstehen, werden die Kickers wohl einen neuen vereinsinternen Zuschauerrekord verzeichnen können. „Weit mehr als 30 000 Fans“ erwarten die Verantwortlichen des SVK. Für den Verein bedeutet diese Kulisse vor allem eine klingende Kasse – und doch hat es irgendwie etwas Paradoxes. Denn der Vereinsrekord wird aufgestellt, obwohl die Kickers aktuell gar kein richtiges Zuhause haben.

Die Stuttgarter Kickers treten heute zum Pokalspiel gegen den BVB in der Mercedes-Benz-Arena an, normalerweise die Heimstätte des VfB Stuttgart. Die Begeisterung dafür hält sich auf beiden Seiten der Stuttgarter Fußballlandschaft in Grenzen. Die Kickers wollen eigentlich nicht im überdimensionierten Stadion „der Roten“ antreten – Einzelne dachten wohl sogar an einen Boykott des Spiels „in der Schüssel“. Und die Anhänger des VfB sehen es ungern, dass sich „die Blauen“ in ihrem Wohnzimmer einnisten. Zwar haben die Organisatoren zu kleineren, besänftigenden Maßnahmen gegriffen – zum Beispiel sollen keine Karten für die Cannstatter Kurve, Heimtribüne der VfB’ler, an Heim- oder Gästefans verkauft werden – trotzdem scheint der Umzug des SVK nach Cannstatt, in den Stuttgarter Kessel zwischen Mercedes-Benz-Niederlassung, PorscheArena, Hanns-Martin-Schleyer-Halle und Cannstatter Wasen mehr eine Notlösung zu sein. Viel lieber würden die Kickers wohl in ihrem eigenen Stadion antreten.

 

Das Stadion des kleineren Vereins aus der baden-württembergischen Landeshauptstadt liegt auf der Stuttgarter Höhe, im schönen Stadtteil Degerloch. Das „Stadion auf der Waldau“ (im Bild rechts) befindet sich direkt unter dem Fernsehturm, weshalb es nahezu jedem bekannt ist, der schon einmal die 150 Meter zur Aussichtsplattform des Stuttgarter Wahrzeichens zurückgelegt hat. Das Kickers-Stadion (oder wie es offiziell heißt: „das Gazi-Stadion auf der Waldau“) fasste bis zur letzten Saison etwas mehr als 11 000 Zuschauer. Legendär war in alten Zeiten die hölzerne Haupttribüne, die im Maßstab 1:3 einer Tribüne der Heimstätte des englischen Klubs Arsenal FC nachempfunden war. Aufgrund von Sicherheitsbestimmungen und Modernisierungsmaßnahmen musste die Tribüne allerdings in den 1970er Jahren einem Neubau weichen. Nicht nur deshalb ist das Kickers-Stadion kein durchgehender Einheitsbau, sondern vielmehr ein „Arrangement“ verschiedener Tribünen und Bauteile. Überdacht sind zum Beispiel nur die Haupt- und die Gegengerade, auf der sich die Stehplätze der Kickers-Fans befinden. Im Winter kann es schon mal passieren, dass der eisige Wind auf der Stuttgarter Höhe zwischen den Tribünen durchfegt und das eine oder andere abgestellte Bier vereist oder gar im schlimmsten Falle für die Unbespielbarkeit des Platzes sorgt.

Doch wie das so ist: gerade deshalb versprüht das Stadion einen ganz besonderen Flair. Zudem wurde die Spielstätte über Jahre hinweg mit Geschichten, legendären Spielen und Anekdoten gefüllt. Geschichten gibt es wahrlich genug, denn die Kickers haben seit 1905 ihre Heimat in Degerloch. Kein anderer Verein in Deutschland spielt seit so langer Zeit am gleichen Ort. Gerade deshalb verlassen die Stuttgarter Kickers nur ungern ihr zu Hause und tun das nur dann, wenn sie dazu gezwungen werden. Erstmals für längere Zeit war das Ende der 1980er Jahre der Fall. Die Kickers spielten in der zweiten Bundesliga und schafften 1988 tatsächlich den Aufstieg in das Oberhaus des deutschen Fußballs. Stuttgart durfte zum ersten Mal zwei Bundesligisten beheimaten. Das Problem: aufgrund des zu erwartenden Zuschauerandrangs in der Bundesliga, der ungenügenden Infrastruktur auf der Waldau und der Sicherheitsauflagen des Deutschen-Fußball-Bundes, hätte das Kickers-Stadion einer Generalüberholung bedurft. Doch der Schwabe gibt äußerst ungern Geld aus, vor allem, wenn es auch eine andere Möglichkeit gibt – und die Alternative lautete: „Umzug nach Cannstatt“. In der Saison 1988/89 und 1991/92 (ausgerechnet in der Meistersaison des VfB) trug der SVK also seine Bundesligaspiele im Neckarstadion aus. Beliebt waren die Ausflüge in das Stadion neben dem Cannstatter Wasen nicht. Schon alleine, weil zu den Spielen der Kickers traditionell weniger Zuschauer kamen, die sich im weiten Rund des Neckarstadions schnell verloren. In diesem Zusammenhang hinderlich war nicht zuletzt die Tartanbahn (die erst 2008 verschwand). Von einem Hexenkessel, der bei hitzigen Spielen im Stadion auf der Waldau – seit jeher ein reines Fußballstadion – schnell entsteht, konnte keine Rede sein.

Man fragt sich also, warum die Kickers heute Nachmittag wieder mal die gut 250 Höhenmeter hinabsteigen und in Cannstatt ihr Pokalspiel austragen. Die Begründung: der SVK spielt seit Beginn dieser Drittliga-Saison nicht mehr unter dem Fernsehturm, denn das Kickers-Stadion wird endlich saniert und den Ansprüchen des DFB angepasst. Es entsteht (wieder) eine neue Haupttribüne, zudem hat die Stadt Stuttgart den Einbau einer Rasenheizung beschlossen  – nach über 100 Jahren könnte es also mit der regelmäßigen Unbespielbarkeit des Platzes bald vorbei sein. Zudem versprechen die Architekten künftig einen „geschlossenen Charakter“ des Stadions.

Ursprünglich sollten die Bauarbeiten schon 2009 beginnen. Da aber die Kickers im gleichen Jahr aus der Dritten Liga für ein dreijähriges Zwischenspiel in die Regionalliga abgestiegen waren, verschoben die Verantwortlichen der Stadt die Bauarbeiten. Wie gesagt, der Schwabe gibt nur ungern Geld (immerhin 14,6 Millionen) aus, wenn er es nicht muss.

Nun aber, nachdem sich die Kickers seit 2012 wieder in der Dritten Liga halten, rückten in diesem Sommer die Bagger an. Für die Zeit des Umbaus bedeutet das für die Kickers, sich vorübergehend eine neue Heimstätte suchen zu müssen. Die für Außenstehende offensichtlichste Lösung, nämlich ein längeres Gastspiel in der Mercedes-Benz-Arena, wurde schnell verworfen. Zu groß, zu teuer der Betrieb und nicht zuletzt ist es einfach das Stadion des VfB – nicht der Kickers. Eine weitere Alternative: ein Umzug ins 40 km entfernte Großaspach. Die Mechatronik-Arena entspricht allen Anforderungen des DFB (die SG Sonnenhof ist gerade selbst erst in die Dritte Liga aufgestiegen). Doch auch diese Idee musste schnell verworfen werden. Nicht nur, weil Großaspach als Emporkömmling bei den Stuttgartern verpönt ist – auch weil die zweite Mannschaft des VfB (ebenfalls Drittligist) schneller als der SVK war, sich in Aspach gleich für die ganze Saison einquartieren ließ und ein Spielbetrieb mit drei Mannschaften in der gleichen Liga nicht durchführbar ist.

Die Wahl fiel letztlich, noch unter dem damaligen Präsidiumsmitglied Guido Buchwald, auf das „Stadion an der Kreuzeiche“ in Reutlingen. Die Heimstätte des SSV Reutlingen (zwischen 2000 und 2003 Zweitligist) bietet ausreichend Platz und die nötige Infrastruktur. Trotz gewisser Sicherheitsbedenken – die Anhänger des SSV Reutlingen unterhalten freundschaftliche Verbindungen zum Stadtrivalen VfB Stuttgart – stimmten Polizei, die Stadt Reutlingen und das Kickers-Präsidium dem Umzug zu. In der Hoffnung, dass es bei den Bauarbeiten zu keinen Verzögerungen kommt, plant der SVK mit 13 Heimspielen in der Fremde. Für die Fans hat der Verein einen Shuttlebus ins 30 Kilometer entfernte Reutlingen organisiert.

 

Als im Juni die erste Runde des DFB-Pokals ausgelost wurde und längst der Umzug nach Reutlingen beschlossen war, mussten die Verantwortlichen erneut über einen kurzzeitigen Umzug nachdenken. Denn schnell stand fest, dass das Spiel gegen den BVB nicht in der „Zwischenlösung Kreuzeiche“ stattfinden könnte, da sich schon alleine rund 5000 Auswärtsgäste angekündigt hatten. Die Wahl fiel also zwangsläufig auf das ehemalige Gottlieb-Daimler-Stadion (im Bild links), da es für den erwarteten Zuschauerandrang die besten Voraussetzungen bieten kann. Nicht zuletzt rechnen die Kickers dadurch auch mit einem größeren Gewinn (abzüglich der Betriebskosten) – und dann wäre da ja auch noch der neue Vereinsrekord. Die bisherige Zuschauer-Bestmarke von 25 000 datiert aus dem Jahr 1995. Auch damals fand ein Spiel des DFB-Pokals statt: die Bayern waren zu Gast und – Ironie des Schicksals – auch das damalige Spiel musste in Cannstatt ausgetragen werden.

Wäre es also vielleicht gar nicht verkehrt, wenn die Kickers für die wirklich „großen“ Spiele immer in das Stadion des VfB, ungeachtet aller Befindlichkeiten bei den Fans, ausweichen? Nein! Denn die lange Geschichte des Stadions auf der Waldau hat den Kickers so manche erfolgreiche Pokalschlacht und dabei jede Menge Anekdoten beschert. Unvergessen, als man in der Saison 1986/87 im Kickers-Stadion zu Hause Hannover 96, Eintracht Frankfurt, Fortuna Düsseldorf besiegte und ins Finale nach Berlin stürmte (dort folgte eine Niederlage gegen den Hamburger SV). Knapp 20 Jahre später, 2006, besiegte man den Champions-League-Teilnehmer Hamburger SV mit 4:3 n.V., führte sogar nach sechs Minuten mit 2:0 (Zusammenfassung im Video). Eine dieser vielen Anekdoten lässt sich auch über Borussia Dortmund erzählen. In der Saison 1999/2000 reiste das Team um Andi Möller, Christian Wörns und Stefan Reuter als Tabellenführer der Bundesliga nach Degerloch. Der damalige Zweitligist besiegte die Borussia mit 3:1 und das Waldaustadion explodierte förmlich (einzelne Spielszenen im Video des SWR). Angetrieben von diesem Erlebnis drangen die Kickers später bis ins Pokal-Halbfinale vor.

Angekommen im Jahr 2014 muss man wohl kein Pessimist sein um zu sagen: wahrscheinlich wird sich diese Geschichte nicht wiederholen. Aber wer weiß, was heute Nachmittag passieren würde, könnte das Pokalspiel im engen Kickers-Stadion auf der Waldau stattfinden. Da, wo der SVK seit 1905 zu Hause ist. Vielleicht liefert ja aber ab nächstem Frühjahr das umgebaute Waldaustadion neue Geschichte und Anekdoten, wer weiß. Was für heute bleibt, ist wenigstens erst einmal der neue Zuschauerrekord.

 

…den mittleren Süden im Blick, Euer Paul.

 

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5 Gedanken zu “Heimatlos ins Heimspiel

  1. Erst dachte ich „Na ja, das Thema interessiert mich ja nun wirklich nicht“, aber dann habe ich angefangen zu lesen… und bin Dankbar für diesen tollen Beitrag!!! Echt klasse Paul, freue mich auf Deine zukünftigen „Arbeiten“. Genau SO stelle ich mir die Qualität der Reingemacht-Blog-Beiträge vor! Super!!

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  2. Hab’s mit sehr großem Interesse gelesen, und bin genauso beeindruckt wie meine beiden Vorkommentatoren. Sehr spannend, gerade auch weil es um einen Verein geht, der sonst weniger im Rampenlicht steht. Gerne mehr von der Sorte!

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  3. Danke für deinen Beitrag, sehr interessant! Seitdem meine Beiden Vereine in der 1. Liga spielen bekomme ich nichts mehr mit von Liga 2 u. 3., daher finde ich es prima das hier auch Beiträge der nicht üblichen Vereine vorkommen. Ich kann das alles sehr gut nachvollziehen, vermisse in Mainz das ehrwürdige Bruchwegstadion sehr, es steckt so viel Geschichte drin, daher toll das die Kickers das Stadion behalten und sanieren können!

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