Wenn der Ex zu Besuch ist…

Der FCA spielt im vierten Jahr in der ersten Fußball Bundesliga. Da gab es also schon einige Gelegenheiten, sich Lieblings- und Hassgegner anzuschauen. Ich denke, es liegt in der Natur der Sache, dass es Mannschaften gibt, die man gern als Gast begrüßt, andere, auf die man sich nicht ganz so freut, und sogar solche, die einem eher gleichgültig sind. Eine ganz besondere Beziehung verbindet uns, oder zumindest mich, aber mit Hertha BSC. Das hat einige Gründe:

Gemeinsam aufgestiegen…

In der Saison 2010/11 war schon lange klar, dass die Hertha aufsteigen würde. Um Platz 2 der Tabelle stritt sich der FC Augsburg mit dem VfL Bochum, aber als es am 34. Spieltag nach Berlin ging, stand der Aufstieg des FCA schon fest – außer Bochum würde das Wunder vollbringen, im letzten Spiel gegen Duisburg nochmal mindestens 21 Tore zu schießen. Wir fuhren also, kaum wieder nüchtern von der Aufstiegsfeierei nach dem Spiel gegen den FSV Frankfurt, überglücklich nach Berlin zur gemeinsamen Aufstiegsfeier. Das Spiel war langweilig und nicht besonders spannend, wieso auch, es ging ja um nix mehr. Die Hertha gewann mit 2:1, aber keiner war beleidigt, und hinterher gab’s eine Fetzenparty, bei der es sich Markus Babbel, damals Trainer in Berlin, nicht nehmen ließ, auch den angereisten Augsburgern (und es waren einige…) vor dem Gästeblock zu applaudieren. Und der Block applaudierte glücklich zurück, wieso auch nicht, wir waren schließlich alle miteinander erstklassig!

Unser Aufstiegstrainer hieß übrigens Jos Luhukay, und ganz Augsburg war sich einig, dass dieser Superschnauzer einfach der beste Trainer war, der dem FCA passieren konnte. Hätten wir ihn bis zum Lebensende verpflichten können, wir hätten es getan. Mit seiner sympathischen, bescheidenen Art hatte sich Jos ganz tief ins Augsburger Fußballherz geholländert.

…allein oben geblieben…

In der ersten Saison ganz oben im deutschen Profifußball wurde dann „Jos we can“ schnell zum Mantra gegen den Nichtabstieg. Und anders als Hertha BSC konnte es der FCA tatsächlich: Nach einigen Anlaufschwierigkeiten in der Hinrunde straften wir auch dank Jos‘ großartiger Arbeit als Trainer all jene Lügner, die uns schon am ersten Spieltag klar abgestiegen sahen. Aus Tasmania Augsburg wurde die Wunderpuppenkiste.

In Berlin dagegen stolperte man durch die Saison und beschwor zum Schluss aus Verzweiflung sogar alte Fußballgötter: Der eben als neuer Trainer verpflichtete Otto Rehagel hatte kaum seinen Vertrag unterschrieben, als ihm der FCA schon wieder den Nimbus des „jetzt aber“ wegschoss. Rehagel kam, reise nach Augsburg, und verlor sang- und klanglos 3:0. Die Hertha rettete sich zwar noch mit Müh und Not auf den Relegationsplatz, stieg dann aber in der Chaos-Relegation gegen Fortuna Düsseldorf doch ab.

Das hatte man sich in ganz Fußballdeutschland zu Beginn der Saison doch eher andersrum vorgestellt, aber so kann’s gehen. In Augsburg hatte man sich allerdings das Saisonende auch anders vorgestellt: Wir lagen uns noch siegestaumelnd und im Freibier gebadet in den Armen bei der Saisonabschlussparty und feierten völlig ungläubig ein weiteres Jahr Erstklassigkeit, als aus dem Presseraum des Stadion das Unmögliche drang und uns die Feierlaune völlig verdarb: Jos machte Schluss mit uns. Unser Jos, dessen Statue wir ohne zu Zögern statt den Augustus auf den Brunnen vor dem Augsburger Rathaus gesetzt hätten, kehrte uns und dem Augsburger Fußballtraum den Rücken zu. Als ich das hörte, dachte ich zum ersten Mal: Das war’s, nochmal schaffen wir den Klassenerhalt nicht. Nicht ohne Jos.

Natürlich ließen wir uns davon die Feierlaune nicht vollends verderben, wir leerten noch zahlreiche Freibierfässer auf Jos und den unmöglichen Klassenerhalt, denn wir dachten uns: So schnell gibt’s hier in Augsburg nix mehr zu feiern.

…die Hertha zurück in die erste Liga transferiert…

Eine Trennung ist niemals leicht. Und selbst wenn man sich im Guten trennt, so wie der FCA und Jos Luhukay, kommt doch nach einiger Zeit Bitterkeit hoch. Vor allem, wenn der Ex direkt eine Neue hat und auch noch nach und nach einige geschätzte Freunde mitnimmt:

Jos Luhukay unterschrieb nach der Trennung vom FCA einen Trainervertrag bei Hertha BSC Berlin. In Augsburg konnten wir nur schwer verstehen, warum einer wieder zurück in die zweite Liga geht, um sich den ganzen Aufstiegsstress nochmal anzutun, wenn er doch in der ersten Liga bleiben kann. Noch dazu nahm er einen unserer hochgeschätzten Spieler mit nach Berlin: Marcel Ndjeng, den wir bei der Aufstiegsfeier noch von der Bühne tragen mussten, suchte sein Glück fortan auch lieber in der zweiten Liga und in Berlin. Dass die beiden den Wiederaufstieg mit der Hertha schaffen würden, war uns in Augsburg klar, denn aufsteigen, das kann er halt, der Jos.

So kam es dann auch, nach nur einer Saison waren Jos und die Hertha zurück in der ersten Liga. Und wir Augsburger freuten uns für ihn und auf ihn, hatten wir ihn doch immer lieb behalten, trotz der Trennung. Außerdem hatte unser Neuer ja auch einiges zu bieten. Zwar keinen sexy Schnauz und keinen knuffigen Holländer-Akzent (Weinzierl sagt nie „Das war ganz fantastis!“), aber dafür eine geballte Ladung Sex-Appeal im Gesamtpaket und einen höchst sympatischen oberbayerischen niederbayerischen (Danke für den Hinweis, Lenz!) Slang. Wir waren sehr glücklich in unserer neuen Trainerbeziehung, was uns aber nicht davor bewahrte, weitere schmerzhafte Trennungen ertragen zu müssen:

Kaum wieder in der ersten Liga angekommen spannte uns Jos in der Sommerpause einen Spieler nach dem anderen aus. Nachdem schon Ndjeng uns eine Saison zuvor nach Berlin verlassen hatte, unterschrieb nun auch Sebastian Langkamp in der Hauptstadt. Das ging mir persönlich ziemlich nah, denn Langkamp war nicht nur ein hervorragender Verteidiger, sondern auch mein Nachbar, und es gibt kaum was cooleres als einen Spieler seines Lieblingsvereins regelmäßig in der Tiefgarage zu treffen und ihm ein gutes Spiel zu wünschen. Jetzt blieb nur nur noch, ihm beim Verräumen seiner Umzugskartons zuzugucken und ihm für die Zukunft alles Gute zu wünschen. Danke auch, Jos! Nicht.

Und als wäre das nicht genug, entschied sich auch der einzige Lieblingsjapaner, den wir je in Augsburg hatten, für einen Vertrag mit der Hertha: Hajime Hosogai, mit dem wir im Stadion 2011 die Tsunami-Opfer beweint hatten und der sich nicht zu schade war, meiner Japanischlehrerin Tribünenkarten ausverkaufte Topspiele zu besorgen, ging nach Berlin. So sehr man das versteht, ist man da doch ein wenig enttäuscht. Wir hatten gehofft, die hervorragende japanische Küche des Manyo hier in Augsburg hätte den japanischen Superstar vielleicht für Augsburg erwärmen können.

…alte Freunde zu Besuch…

Aber so ist es nun. Wenn Hertha BSC nach Augsburg kommt, sind immer einige alte Freunde zu Besuch. Auf sowas freut man sich. Auf sowas freue ich mich, denn wir Augsburger sind uns nicht zu schade, unsere alten Weggefährten mit großem Applaus willkommen zu heißen. Natürlich nur vor dem Anpfiff. Während des Spiels sollen Hosogai, Ndjeng und Langkamp bloß nichts sinnvolles mit dem Ball anfangen, sonst werden wir narrisch. Wer nicht mehr das richtige Trikot trägt, darf keinen Jubel erwarten!

Vor dem letzten Spiel gegen die Hertha war die Vorfreude also groß, aber das Erwachen nach dem Spiel leider bitter. Der FCA gewann 1:0, und Jos Luhukay war stinkbeleidigt, weil er fand, dass der Schiri seine Hertha ungerecht behandelt hat. Der Elfmeter sei keiner gewesen, der Bobadilla habe sich fallen lassen, höchst unsportlich sei das, und überhaupt habe man ja nur deswegen verloren. Weinzierl sah das naturgemäß anders:

„Nicht der Schiedsrichter, sondern unsere Mannschaft war für unseren Sieg verantwortlich. Wir haben auch heute wieder ein ordentliches Spiel gemacht.“

Auch sonst gebärdete sich Luhukay bei der Begegnung am 6. Spieltag eher wie ein Rumpelstielzchen und zeigte Stefan Reuter gar den Scheibenwischer – so kennen wir ihn gar nicht, unseren Jos. Und auch der Berliner Torwart fühlte sich wohl nicht besonders wohl bei uns im Schwabenstadion, er beschwerte sich hinterher, ein Balljunge habe ihn als „Pisser“ beschimpft. Huch! Der FCA sagt, das war bestimmt nicht der Balljunge, sondern wahrscheinlich einer der Fans hinterm Tor – kann man sich gut vorstellen, dass einem mal sowas rausrutscht. Wobei natürlich KEINER in Augsburg, vor allem nicht unsere Ultras aus dem M-Block, solche unfeinen Begriffe für unsere Gäste verwenden würde. Niemals. Gehört sich ja nicht im Fußball, wir sind ja nicht im… Äh, ja, egal.

Das endgültige Ende der Beziehung?

Wie bewerten wir nun diese letzten Ereignisse im „Luhukay-Derby“ (schöner Begriff, Hoobs!)? Für mich fühlt es sich an wie das endgültige Ende der Liebesbeziehung zwischen Luhukay und Augsburg. Wir hatten eine tolle Zeit, aber sie ist vorbei, und inzwischen haben wir unsere getrennten Wege ausreichend gefestigt, um das wie Erwachsene betrachten zu können. Wir sind eben nur noch Konkurrenten in der Liga um zu vergebende Punkte, und wir schenken uns nichts mehr. Wir können uns auch mal ordentlich zoffen, ohne dass uns das unsere schönen Erinnerungen an die gemeinsame Vergangenheit vergällen muss. Jos Luhukay bleibt immer der Mann mit dem schönsten Schnauz der Liga, der uns „ganz fantastis“ in die Erstklassigkeit gebracht hat, aber jetzt ist er bei der Hertha, und wir sind völlig verschossen in seinen Nachfolger Weinzierl mit dem hinreißenden Lächeln und dem geilen Fußball, den er spielen lässt.

Ab jetzt wird es also, wenn Luhukay nach Augsburg kommt, nur noch heißen: Jos, you can (in Augsburg auch mal verlieren)!

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5 Gedanken zu “Wenn der Ex zu Besuch ist…

  1. Hallo,

    Schöner Artikel.
    Kleine Anmerkung: Markus Weinzierl ist aus Niederbayern, nicht Oberbayern.
    Für uns Niederbayern ist das wichtig, weil wir sonst nicht so mit Fußball-Talenten gesegnet sind (Augenthaler mal abgesehen). :-))

    Gruß,
    Lenz

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    • Auweia, danke für den Hinweis! Für uns bayerische Schwaben wäre es ja auch eine tödliche Beleidigung, wenn uns einer mit Stuttgartern in einen Topf werfen würde. Also dicke Entschuldigung, werde das künftig besser recherchieren! (und im Text korrigieren ;))

      Gefällt 1 Person

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