Schwäbisches Schicksalsjahr

Der Verein mal wieder tief im Abstiegskampf, Armin Veh und Fredi Bobic weg, Robin Dutt als Sportdirektor im Anflug, Huub Stevens als Retter schon da, ein Präsident der von der Champions League und Sami Khedira träumt und 80 Millionen, die alle Probleme lösen sollen – das Jahr 2015 könnte für den VfB Stuttgart in seiner über 120-jährigen Vereinsgeschichte zum Schicksalsjahr werden.


Irgendwie hatten alle gehofft, dass Armin Veh den Umschwung mitbringt. Irgendwie glaubten alle, dass der Meistertrainer von 2007 die große Wende einläutet, den VfB Stuttgart raus aus den unteren Tabellenplätzen führt, zurück in die Spitzengruppe, in das internationale Geschäft mindestens und der Glanz der alten Zeiten zurückkehrt. Vergessen sollten die vergangenen Spielzeiten sein, die endlose Aneinanderreihung unbefriedigender Spiele. Schluss mit Niederlagen gegen Klubs denen man früher noch Paroli bot und keine Demütigungen mehr gegen Emporkömmlinge, die dem eigenen Verein plötzlich den Rang ablaufen. Vorbei sein sollte die ständige Angst vor dem Absturz, vor leeren Kassen und Tribünen. Jetzt, nach der Horrorsaison und dem Fastabstieg zurück zu alten Werten, mit jungen Spielern auf dem Platz und erfahrenen  Leuten auf der Trainerbank. Am Ende war es nichts weiter als eine naive Illusion.

Drei Monate Stillstand – Dutt als Bobic-Nachfolger

Der VfB Stuttgart steckt zum Jahreswechsel 2014/15 tief in der Krise. Nur wenige werden geglaubt haben, dass mit dem Fortschicken von Fredi Bobic vor drei Monaten die Krise am Neckar wirklich vorbei sein würde. Zu schnell, zu voreilig wurde an der Mercedesstraße mal wieder gehandelt, ohne einen echten „Plan B“ in der Hinterhand zu haben. Ein Nachfolger ist zwar mit Robin Dutt inzwischen gefunden worden, doch auch wenn dieser Stuttgart gut kennt, bei den Stuttgarter Kickers fünf Jahre Trainer war und aus dem 20 Kilometer entfernten Leonberg stammt, wird er einige Zeit brauchen, um sich ein genaueres Bild von der Situation vor Ort zu machen. Die wichtige Transferphase im Winter, die noch einmal die Chance bietet so manche Fehlplanung im Kader zu korrigieren, wird damit kaum zu nutzen sein.

Schon bald neuer VfB-Sportdirektor: Robin Dutt Foto: Ingo Stöldt Lizenz:  Creative Commons 3.0

Schon bald neuer VfB-Sportdirektor: Robin Dutt
Foto: Ingo Stöldt
Lizenz: Creative Commons 3.0

Denn Handlungsbedarf besteht fast auf allen Positionen. Im Tor ist der langjährige Stammkeeper Sven Ulreich durch den zwischenzeitlichen Vertrauensentzug von Armin Veh geschwächt. Die Defensive ließ 32 Gegentore zu, im Mittelfeld fehlt die Stabilität nach hinten und die Kreativität nach vorne, zudem konnte über die Außenbahnen viel zu wenig Gefahr erzeugt werden. Selbst in der Offensive hapert es, auch wenn es Martin Harnik und seine Kollegen auf immerhin 20 Tore brachten. Allerdings erzielten die Schwaben alleine zwölf Treffer in drei Spielen (3:3 gegen Leverkusen, 5:4 in Frankfurt, 1:4 in Freiburg), so dass gerade mal acht Treffer auf die übrigen 14 Spiele verteilen. Das Team scheint höchstens noch für Bundesliga-Mittelmaß auszureichen und genügt damit längst nicht mehr den eigenen Ansprüchen.

„Woche für Woche sehen wir eine konzeptlos zusammengekaufte Mannschaft ohne Grundgerüst und Linie“, beklagt die Ultragruppe Commando Cannstatt in einem offenen Brief Mitte September und stellt zudem fest: „Die Entwicklung unseres VfB seit der Meisterschaft 2007 schmerzt jeden VfB-Fan. Seither befindet sich ein Traditionsverein im freien Fall – ohne Ausblick auf Besserung“

Vom Abstiegskandidaten zum Meister und wieder zurück

Tatsächlich ist von der großen Fußballeuphorie Mitte der 2000er Jahre in der baden-württembergischen Landeshauptstadt nicht mehr viel übrig geblieben. Nach der Ära des polarisierenden Vereinspräsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder im Mai 2001 durch ein 1:0-Sieg gegen Schalke 04 am vorletzten Spieltag knapp dem Abstieg entronnen, schwang sich der VfB in der Folge unter Felix Magath zu einem ebenso erfolgreichen wie sympathischen Ausbildungsverein auf. Bekannte Spieler begannen in Stuttgart ihre Karriere oder schafften am Neckar ihren Durchbruch: Sami Khedira, Philipp Lahm, Mario Gomez, Kevin Kuranyi, Diego Benaglio, Aliaksandr Hleb, Marcelo Bordon, Andreas Hinkel oder Andreas Beck – alle trugen in den frühen Jahren ihrer Karriere den Brustring. 2003 qualifizierten sich die Schwaben für die Champions League, bestritten erstmals seit 1992 und dem fatalen Wechselfehler von Christoph Daum gegen Leeds United ein Spiel in der Champions League. Anfang Oktober 2003 wurde sogar Manchester United 2:1 geschlagen und der VfB stürmte bis ins Achtelfinale, in dem man nur knapp mit 0:1 nach Hin- und Rückspiel gegen den FC Chelsea ausschied.

2007 Meistertrainer, 2014 gescheitert: Armin Veh Foto: Stefan Baudy Lizenz: cc-by-sa-2.0

2007 Meister, 2014 gescheitert: Armin Veh
Foto: Stefan Baudy
Lizenz: cc-by-sa-2.0

Drei Jahre später nahm das Sommermärchen der Weltmeisterschaft 2006 im Stuttgarter Gottlieb-Daimler-Stadion sein ebenso emotionales wie erfolgreiches Ende. Getragen von der Fußballeuphorie im „Ländle“ gewann der VfB ein Jahr später sogar die Deutsche Meisterschaft. Doch trotz der danach gut gefüllten Konten, großem Zuspruch im Umfeld, einem neuen Stadion und einer funktionierenden Jugendarbeit gelang es den Verantwortlichen in den Jahren danach nicht, den Erfolg zu wiederholen oder zumindest ein konstantes sportliches wie finanzielles Level zu halten. Millionenerlöse, beispielsweise durch den Verkauf von Mario Gomez, wurden oftmals in teure Missverständnisse reinvestiert. Das so erfolgreiche Duo aus Trainer Armin Veh und Sportdirektor Horst Heldt zerbrach, Fehleinkäufe wie Mauro Camoranesi, Raphael Schäfer, Ciprian Marica, Jan Simak, Pavel Pogrebnyak oder Zdravko Kuzmanovic gaben sich die Klinke in die Hand. Der VfB vergaß seine Wurzeln, wollte mit aller Macht im Konzert der Großen mitspielen und rutschte – abgesehen von kleinen Ausrutschern nach oben – im Vergleich mit anderen Bundesligaklubs immer weiter ab. 2011, zehn Jahre nach dem knappen Klassenerhalt, drohte plötzlich wieder der Abstieg. 2012 reichte es immerhin noch für die Europa League, doch schon im Jahr fanden sich die Stuttgarter wieder im Abstiegskampf.

Auf dem Platz wurde das Team mehrfach komplett verändert, die Trainer tauschte man VfB ebenso schnell und gerne. Auch in der Führungsetage stellte sich keine rechte Konstanz mehr ein. Dem beliebten und erfolgreichen Präsidenten Erwin Staudt, der mit viel Arbeit, persönlichem Einsatz und Augenmaß an der Erfolgsgeschichte in den 2000er Jahren mitarbeitete, die Mitgliederzahlen unter anderem durch die Kampagne „Wir packen Schalke“ vervierfachte, folgte der eher blasse und wenig beliebte Gerd Mäuser. Der ehemalige Marketingchef von Porsche trat nach nur zwei Jahren Amtszeit im Jahr 2013 wieder zurück.

Die Champions League als Ziel – der Abstiegskampf als Realität

Auf Gerd Mäuser folgte der bis heute amtierende Präsident Bernd Wahler, der zuvor unter anderem für adidas und Nike tätig war. Es dauerte nicht lange, bis auch Wahler in den Fokus der Kritik geriet. „Wir werden den Eindruck nicht los, dass Bernd Wahler zwar in der Öffentlichkeit besser ankommt als sein Vorgänger, allerdings kaum kompetenter ist“, heißt es zum Beispiel im offenen Brief des Commando Cannstatt.

Vor allem die Schönrednerei und – man kann es angesichts der gegenwärtigen Lage eigentlich nicht anders nennen – der Größenwahn des Präsidenten kommt in der Öffentlichkeit nicht gut an. „Ich möchte nicht ausschließen, dass irgendwann Sami Khedira zurückkommt. Das würde mir gefallen“, verkündete Bernd Wahler zum Beispiel im März 2014 vor dem Ligaspiel gegen Werden Bremen gegenüber der Stuttgarter Zeitung. Der Klub war zu diesem Zeitpunkt neun Spiele ohne Sieg, hatte soeben Trainer Thomas Schneider beurlaubt und stand einen Punkt vor den direkten Abstiegsrängen. In der zurückliegenden Sommerpause malte Wahler die Vision von der Champions League „in drei bis fünf Jahren“. Ein Ziel, das er schon 2013 ausgegeben hatte. Aufgrund solcher Äußerungen findet man in der Anhängerschaft klare Worte, wie im offenen Brief des CC zu lesen ist: „Der VfB braucht keinen lustigen Repräsentanten, der Luftschlösser baut, er braucht einen Krisenmanager, der klar vermittelt, wie er den Karren aus dem Dreck ziehen will.“

Grundsätzlich kann Bernd Wahler für die aktuelle Kritik Verständnis aufbringen: „Insbesondere in den Heimspielen haben wir den Zuschauern über Monate hinweg zu viele schlechte Leistungen zugemutet“, wird er auf der Vereinswebseite zitiert, entgegnet aber dem Vorwurf der Tatenlosigkeit angesichts der kritischen Situation: „Diesen Vorwurf kann ich nicht nachvollziehen. Durch die sportliche Situation werden viele andere Dinge, die wir bislang auf einen positiven Weg gebracht haben, negativ bewertet. Und natürlich mussten wir in einer sportlichen Ausnahmesituation auch Dinge zurückstellen, die wir gerne beschleunigt hätten.“

Die Ausgliederung und 80 Millionen als Neuanfang?

Welche Dinge konkret er gerne beschleunigt hätte, erklärt Wahler nicht näher. Mit Sicherheit aber wird der VfB-Präsident 2015 ein ebenso großes wie folgenreiches Vorhaben vorantreiben wollen, das wohl auch in unmittelbarem Zusammenhang mit seinen langfristigen Visionen des europäischen Wettbewerbs steht: Die Ausgliederung der Profiabteilung. Seit einigen Monaten wirbt der Präsident für eine Veränderung der Rechtsform und betont dabei immer wieder deren Bedeutung für die künftige Wettbewerbsfähigkeit des Vereins. „Mit der Ausgliederung wollen wir uns von der Wirtschaftskraft her besser aufstellen“, erklärte er auf der Mitgliederversammlung im Juli 2014. Unternehmen, die nach einer Ausgliederung investieren könnten, gibt es im wirtschaftskräftigen Großraum Stuttgart ausreichend. Gleich mehrere Unternehmen, allen voran der Automobilhersteller Daimler, die Würth-Gruppe, das Reinigungsunternehmen Kärcher oder der Lebensmittelproduzent Gazi gelten als potentielle Interessenten. Insgesamt könnte durch den Verkauf von 25% der Anteile eine Summe von 80 Millionen Euro in die Vereinskasse gespült werden. Allerdings  lässt sich nicht jeder von dieser Summe beeindrucken, die Pläne der Vereinsführung werden bisweilen auch skeptisch begleitet. Nicht zuletzt, weil mit einer Ausgliederung die Mitglieder ihren unmittelbaren Einfluss auf die Geschicke der neuzugründenden Kapitalgesellschaft verlieren.

Häufig wird in letzter Zeit deshalb auf das Negativbeispiel Hamburger SV verwiesen. Dort hatte im Sommer die Mehrheit der Mitglieder dem Modell HSVplus zugestimmt und somit den Weg für eine Ausgliederung und Investoren frei gemacht. Doch die bereitwillige Selbstentmachtung angesichts des schnellen Geldes wurde jetzt erste einmal bestraft: die erhoffte Umwandlung der Investitionen von Klaus-Michael Kühne in Vereinsanteile kam nicht zustande – was dem HSV in größte Bedrängnis bringt, sogar die Lizenz gefährden soll.

Dem könnte man in Stuttgart entgegenhalten, dass kein einzelner Privatinvestor, sondern mehrere  Unternehmen zu Geldgebern gemacht würden. Bernd Wahler betonte außerdem in diesem Zusammenhang im Juli: „Wichtig ist, dass die Rahmenbedingungen stimmen. Wir werden nicht jedem Investor die Türe öffnen.“ Trotzdem würde auch dann viel Geld nicht automatisch mit großem Erfolg gleichzusetzen sein. In allererster Linie kommt es auch dann auf das fähige Personal an, das das Geld sinnvoll einsetzt. Man hat in der Vergangenheit nach der Meisterschaft 2007 erfahren, wie schnell große Summen falsch investiert und verschleudert werden können. Auf der Mitgliederversammlung im Sommer sagte dazu ein Vereinsmitglied in einem Redebeitrag: „Ich finde das grundsätzlich gut. Aber es hat dem Verein noch nie gut getan, wenn er Geld hatte. Das haben wir schon bewiesen.“ Ein Punkt, den auch die Ultras-Gruppe CC aufgreift: „Wenn die handelnden Personen ihr Handwerkszeug beherrschen und die vorhandenen Mittel optimal verwenden würden, wäre der VfB schon jetzt konkurrenzfähig. Zusätzliches Geld würde derzeit wohl noch schneller versickern als damals die Gomez-Millionen.“

Klassenerhalt und Weichenstellung?

Über all diesen weitläufigen Planungen, Hoffnungen und Befürchtungen steht einees: Der VfB Stuttgart darf das kurzfristige Tagesgeschäft nicht aus dem Auge verlieren. Zu viel steht auf dem Spiel. Bei einem Abstieg wäre der Schaden wohl weitaus größer, als er durch eine Ausgliederung zu beheben ist. In den nächsten Tagen, vielleicht sogar Stunden soll der neue Sportdirektor Robin Dutt sein Amt antreten. Gemeinsam mit Huub Stevens liegt es an ihm, den VfB in dieser Spielzeit einigermaßen erfolgreich durch die Bundesliga zum Klassenerhalt zu führen, dabei den Kader zu stärken und im Sommer neu auszurichten. Eine große Herausforderung. Es bleibt abzuwarten, ob ihm diese Mammutaufgabe gelingt. So oder so, das Jahr 2015 wird ein schicksalhaftes für den schwäbischen Traditionsverein. Auf und neben dem Platz. Wer weiß, wo sich der VfB Stuttgart in einem Jahr wiederfindet.

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2 Gedanken zu “Schwäbisches Schicksalsjahr

  1. Wau, das ist wohl mal der längste Bericht überhaupt, oder? Da leidet jemand mit seinem Verein.
    Danke für die Aufbereitung und das Hintergrundwissen. Dennoch denke ich das der VFB auf jeden Fall drin bleiben wird…tja und wie dann „hoffentlich vernünftig“ gearbeitet wird, werden wir sehen.
    Ich würde auch an Stevens festhalten..Konstanten erscheinen mir derzeit wichtig

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  2. Wow, du hast wirklich die komplette jüngere Vergangenheit des Vereins in deinen Blog mit einbezogen, Respekt dafür!
    Ich weiß immer nicht, was ich über vom VFB halten soll, einerseits einer der „Big Player“ der Bundesliga, aber andererseits ziemlich konzeptlos und für mich seit 1-2 Spielzeiten einer der Kandidaten, für die es am Saisonende abwärts gehen kann. Naja,….es bleibt abzuwarten..:)

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