Bitte nicht wecken…

Liebe Reingemacht-Freunde, ich erlebe gerade den längsten Traum, den je ein Fußballfan geträumt hat. Ich bin der festen Überzeugung, dass ich träume, seit Monaten schon, denn anders kann ich mir nicht erklären, was mein rot-grün-weißes Fußballherz erleben darf mit dem FC Augsburg. Angefangen hat der Traum, glaube ich, ungefähr zu Beginn der Rückrunde 2012/2013. Ich muss wohl kurz vor Anpfiff der Partie Fortuna Düsseldorf – FC Augsburg am 20.1.2013 eingeschlafen sein…

Ein vogelwilder Rückrundenauftakt…

Ja, vor Anpfiff des Spiels in Düsseldorf war die Bundesligawelt noch in Ordnung. Da verhielt sich alles so, wie man es erwartet hatte: Der FC Augsburg mit seinem Etat, der einem bayerisch-schwäbischen Verein zu Gesicht steht (klein und sparsam, bedacht auf nachhaltiges Wirtschaften, bloß nicht verschulden, so dass ein Abstieg den finanziellen Ruin bedeutet …), stand da, wo man ihn in der Tabelle suchte: Mit mickrigen 9 (ja, neun!) Punkten auf Platz 17 der Tabelle, punktgleich mit der SpVgg Greuther Fürth, mit der man sich am letzten Hinrunden-Spieltag ein grottiges Grottenspiel mit noch grottigerem Ausgang (stinklangweiliges und ausgesprochen hässlich anzuschauendes 1:1) geliefert hatte. Nur ein marginal besseres Torverhältnis (ein Tor mehr!) bewahrte meinen Verein vor dem letzten Tabellenplatz.

Dennoch war in Augsburg in der Rückrunde keiner nervös geworden. Man hatte ja nichts erwartet, der Klassenerhalt in der ersten Bundesligasaison war die Sensation am Lech schlechthin gewesen, und dann hatte Luhukay uns verlassen, Rettig ebenso, die Papas des Erfolgs, und ein Trainer aus der dritten Liga, ein gewisser Markus Weinzierl, den in der Fuggerstadt keiner kannte, hatte übernommen. Man hatte sich Experimente mit der Position des Geschäftsführers erlaubt und nun einen Achtungserfolg gelandet, indem man mit Stefan Reuter tatsächlich einen großen Namen nach Augsburg geholt hatte.

Der Start in die Rückrunde war also höchstens insofern bemerkenswert, als tatsächlich noch Markus Weinzierl das Team zusammenstellen durfte, und der geneigte FCA-Fan rechnete fest damit, ab August wieder zu Zweitliga-Anstoßzeiten ins Stadion fahren zu müssen.

Wir hörten also den Anpfiff in Düsseldorf mit einer gewissen Wehmut, aber mit dem festen Willen, jede verbleibende Erstliga-Sekunde des FC Augsburg mit jeder Faser unseres Fanherzens zu genießen. Und dann muss ich wie gesagt eingeschlummert sein… Denn eine solche Aneinanderreihung an Slapstickeinlagen kann in der Realität doch gar nicht passiert sein: der Düsseldorfer Torwart vergisst sich völlig und lässt Mölders ins leere Tor treffen, und in der zweiten Halbzeit macht eben dieser auch noch eine Bude mit seinem Hintern. Dann erinnert sich der Fußballgott, dass die Sache einigermaßen gesittet abzulaufen hat, und lässt die Düsseldorfer noch aufholen – um am Ende, als der Ausgleich schon im Netz liegt, zu entscheiden, dass ausnahmsweise doch die Augsburger gewinnen dürfen.

Und mit diesem unverhofften Sieg beginnt eine Traumrückrunde, in der der kleine FC Augsburg plötzlich gegen Teams wie Schalke 04 und den VfL Wolfsburg unentschieden spielt und gegen andere wie Werder Bremen und den HSV sogar auswärts drei Punkte holt, um am Ende aus neun Pünktchen satte 33 gemacht zu haben und sich auf den 15. Tabellenplatz zu retten. Da entfährt dem sanft schlummernden Fuggerstädter doch ein wohliger Seufzer!

…und plötzlich können die auch noch Hinrunde!

Zum Beginn der Saison 2013/14 unkte natürlich trotzdem die ganze Liga, jetzt sei aber Schluss mit dem Augsburger Fußballtraum, diese Saison ginge es endgültig nach unten. Nochmal würden die Puppenkistenheinis schließlich nicht so einen Endspurt hinlegen.

Bekanntermaßen konnte man in Augsburg nämlich eines überhaupt nicht gut: Halbwegs sinnvoll in eine Saison starten. Die Hinrunde im Oberhaus war immer ganz mies gelaufen bisher, und so hatte es schließlich zu bleiben. Entsprechend bestätigt sahen sich die Gästefans aus Dortmund am ersten Spieltag nach einer saftigen 0:4 Niederlage des FCA und sangen den betrübten Augsburgern „zweite Liga, Augsburg ist dabei“ entgegen. Und bei aller bayerisch-schwäbischen Bescheidenheit, am ersten Spieltag fand man das als Rot-Grün-Weißer doch etwas verfrüht…

„Ned mit uns“ dachten sich da auch Markus Weinzierl und Stefan Reuter in meiner rot-grün-weißen Traumwelt. Und so fing der FCA an, auch in der Hinrunde fleißig Punkte einzusammeln, vor allem in den Spielen, in denen man eben punkten muss: Gegen die „kleinen“ Gegner, die sich ebenso wie der FCA Plätze maximal im Mittelfeld erhofften, sah man ausgesprochen gut aus – so gut, dass man die hervorragende Rückrunde quasi kopierte und erneut 24 Punkte holte.

Besonderes Highlight: Eine Auswärtsfahrt von Klein-Kristaldo nach Hamburg zum großen HSV. Freundlich empfangen von zahlreichen Bekannten, die es mit dem HSV hielten und noch halten, und von allen als kleines Kuriosum begafft (es gibt tatsächlich Augsburg-Fans! Und die laufen hier in Hamburg frei rum und sich dazu auch noch fröhlich und optimistisch, glauben sogar ernsthaft, hier was holen zu können!), wagte ich vor Anpfiff tatsächlich ein mutiges „Ich denk, da ist schon was drin für den FCA!“. Und wie was drin war, der FCA gewann 0:1 und offenbarte den Hamburgern erste Einblicke in die Abgründe, die sich da noch auftun sollten für sie. Aber das ist der Alptraum der HSV-Fans, über den sprech‘ ich besser nicht.

Am Ende der Hinrunde stand der FCA auf Platz 8. Ein einstelliger Tabellenplatz, sowas hatte man nicht erwartet. Konnte man nicht erwarten. „A woisch, pfundige Sach!“ sagte da der Augsburger Träumer und bereitete sich innerlich drauf vor, dass nun  sicher der Absturz folgen würde.

B-Elf gegen Z-Elf – der Alptraum des Manuel N.

Aber auch die Rückrunde sollte noch Highlights bereithalten. Ich habe ja hier im Blog schon mehrfach auf den geschichtsträchtigen 5. April 2014 hingewiesen, an dem sich in Augsburg zwei bayerische Mannschaften gegenüberstanden, für die die Saison hervorragend gelaufen war. Auf der einen Seite ein Team, das das Saisonziel bereits erreicht, alle Erwartungen übertroffen, die eigenen Rekorde gebrochen und die Liga in Staunen versetzt hatte, leider ersatzgeschwächt und daher nicht mit dem besten Personal in der Startelf – und auf der anderen Seite der FC Bayern München. So geht die Geschichte aus Augsburger Perspektive, wobei die Münchner natürlich immer noch darauf beharren, Pep hätte mit seiner Aufstellung an diesem Tag Arroganz gezeigt und die Rechnung erhalten. Für Augsburg zählt hier nur, dass hier trotz dreier Debütanten der große FC Bayern mit Manuel Neuer, Bastian Schweinsteiger, Toni Kroos und anderen großen Namen auf dem Platz stand und gegen einen FCA mit einem überragenden Sascha Mölders nicht gewinnen konnte.

Aber natürlich ist dieser Tag und dieses Spiel ein ganz wichtiges Kriterium dafür, dass es sich bei der ganzen Geschichte um ein Märchen handelt, um einen Traum, den ich seit langem träume. Anders kann es nicht sein, es ist doch einfach nicht möglich, dass der FCA die ungeschlagenen Bayern besiegt. Durch ein Tor von Straßenkicker Sascha Mölders. In der ersten Fußball Bundesliga.

Doch der Traum geht ja weiter – bis zum letzten Spieltag ist der FC Augsburg sogar mit dabei im Rennen um die internationalen Plätze! Da in der Saison sogar Platz 7 für die Europa League Quali reicht, und der FCA sich in der Rückrunde regelmäßig um diesen tummelt, singen bereits einige völlig erfolgstrunkene Fans das Europapokal-Lied. Natürlich werden sie vom bodenständigen Schwaben milde belächelt, und zuletzt ist man dann hochzufrieden und überhaupt nicht enttäuscht, als der FCA die Saison auf einem hervorragenden Platz 8 abschließt und der Kelch des internationalen Geschäfts nochmal an der Puppenkiste vorbeizieht. Des wär‘ dem Augschburger dann doch a weng zuviel gworden!

und jetzt auch noch Europa?

Aber ich schlafe und träume ja immer noch. Auch die Saison 2014/15 erweist sich als viel zu schön um wahr zu sein. Wir sind immer noch drin in der ersten Liga, und erstmals sind wir vor der Saison nicht mehr von allen als sicherer Absteiger gehandelt, sondern nur noch von einigen Unverbesserlichen, die dem schwäbischen Schweinebraten nicht trauen wollen. Vielmehr kauft man uns nun all die entdeckten Talente weg und staunt trotzdem nicht schlecht, dass uns der eine oder andere Bombentransfer gelingt – doch spätestens mit Babas Unterschrift wird deutlich, dass der FC Augsburg sich unter Weinzierl und Reuter sich zum sexy Verein für junge, entwicklungsfreudige Spieler gemausert hat, die zwar eine große Karriere in der ersten Liga anstreben, aber dabei auch unbedingt Einsatzzeit haben wollen und dafür vorerst auf das ganz große Geld verzichten – das können sie ja dann immer noch einstreichen, wenn sie sich durch Glanzleistungen in Augsburg einen Namen gemacht haben.

Außerdem hat der FCA im vierten Erstligajahr angefangen, richtig frech zu werden. Bisher erlaubte man sich nur einen Ausrutscher gegen die Großen der Liga, indem man sich erdreistete, den FCB zu schlagen. Den anderen Platzhirschen hatten wir bisher den Respekt erwiesen und brav gegen sie verloren. Aber nun? Schon in der Hinrunde ärgerten wir Schalke 04 und Leverkusen, indem wir hervorragende Spiele gegen sie zeigten und uns nur knapp geschlagen gaben, um ihnen dann in der Rückrunde doch mindestens einen hochverdienten Punkt zu klauen. Und die Dortmunder, die uns letzte Saison schon am ersten Spieltag in die Zweitklassigkeit singen wollten? Die durften erleben, dass „Gegen Augsburg kann man mal verlieren“ nicht nur so dahergesungen ist, als ca. 1000 Gästefans eben dies anstimmten nach der Niederlage des BVB im legendären Westfalenstadion. Ein tolles Gefühl, das ich kleine Träumerin dort miterleben durfte, die ich mir diese Auswärtsfahrt auch nicht entgehen ließ.

So kommt es, dass der Traum wohl immer noch nicht zu Ende ist. Der FCA hat sich diese Saison schon den Nichtabstieg gesichert und ist seit Wochen ganz heißer Kandidat auf die Teilnahme am internationalen Geschäft. Inzwischen muss das sogar das Traumduo Weinzierl/Reuter zugeben, auch wenn man nach einer „Krise“ nun davon abgerückt ist, die Europa League als neues Saisonziel auszugeben. „Krise“ nennt man es in Augsburg neuerdings, wenn man aus zehn Spielen nur sechs Punkte holt, weil nur ein Sieg und drei Remis gegen Höherplatzierte (in dem Fall Platz 2-5) geholt wurden. Ok, die Niederlagen gab’s gegen Abstiegskandidaten, aber nun ist der „Fluch“ ja augenscheinlich gebannt, nachdem man die Stuttgarter geschlagen hat.

Liebe Reingemacht-Freunde, wenn das so weitergeht mit meinem Traum, weckt mich bitte nicht. Es ist so wunderschön in diesem rot-grün-weißen Fußballmärchen, ich würde die bittere Realität nicht ertragen. Wahrscheinlich steht der FCA in Wirklichkeit irgendwo knapp über St. Pauli in der zweiten Liga und liefert sich seit Wochen einen verzweifelten Abstiegskampf mit den Glubberern und den Sechzgern. Vielleicht haben wir inzwischen den dritten Trainer der Saison entlassen, uns hoch verschuldet, um eine völlig übertriebene Stadionfassade zu bauen und bekommen den Laden trotzdem kaum mal halb voll, weil die Stimmung unter aller Kanone ist und eh nur von den Rängen heruntergegoschelt wird. Und nach Abpfiff flüstern manche leise „Hätten wir den Weinzierl damals doch nicht nach der Hinrunde entlassen… so viel schlechter wär’s doch vielleicht auch nicht geworden. Der hatte wenigstens Ideen, eine Strategie… Wer weiß, wo wir wären, wenn wir ihn noch hätten, den Markus Weinzierl.“

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