Pokerpartie um Petersen

scfHabemus Papam. Peterpam. Petersen. Für SC-Fans, die sich in Sozialen Netzwerken herumtreiben und generell Nachrichten und Gerüchte online aufsaugen, war es heute tatsächlich so, als würde weißer Rauch aufsteigen. Und ungefähr in der Größenordnung eines neuen Papstes ist, glaubt man den Reaktionen, auch die Meldung einzuordnen: Nils Petersen wechselt zum SC Freiburg. Nachdem der einst als Talentwunderstürmerhoffnung zum FC Bayern gekommene Petersen ja schon vergangene Saison für sechs Monate von Werder Bremen ausgeliehen war, unterzeichnet er nun einen offiziellen Vier-Jahres-Vertrag und macht im Breisgau weiter. Bei einem Zweitliga-Verein.

An der Geschichte ist einiges erzählenswert. Zum einen natürlich, dass Petersen sich auch weiterhin für das Abenteuer Freiburg entscheidet, während fast sämtliche anderen SC-Spieler, die irgendwie aus ihren Verträgen rauskommen konnten oder lukrative Anfragen hatten, den Verein nach dem Abstieg verlassen haben. Stand Juni 2015 verzeichnet der SC die Abgänge von Bürki, Mehmedi, Schmid, Sorg und (vermutlich) Klaus. Das ist schon mal fast die halbe Stammelf. Weitere Abgänge nicht ausgeschlossen. Petersen geht auf diesen Umstand auch direkt in seiner ersten offiziellen Reaktion ein: „Ich weiß, dass das eine untypische Entscheidung ist, aber ich bin ja auch ein etwas anderer Spieler.“

„Petersen ist weg. Petersen kommt nicht. Petersen ist da.“

Ein anderer Teil der Geschichte liegt im Zustandekommen des Transfers und den Reaktionen der Medien in den vergangenen Wochen. Der Spannungsbogen lautete in etwa so: „Petersen ist weg. Petersen ist vielleicht doch nicht weg. Petersen ist ganz, ganz sicher weg. Petersen will gar nicht. Petersen kommt eventuell. Petersen will doch nicht. Petersen will nach Hannover. Mainz will Petersen. Petersen ist da.“ Vor diesem Hintergrund wirkt es so, als habe sich der Spieler tatsächlich ziemlich spontan und in letzter Sekunde noch für Freiburg entschieden. Wenn man nochmal genau auf Spurensuche geht, sieht das plötzlich anders aus.

Fakt ist zunächst: Der SC hatte eine Kaufoption für Nils Petersen, die je nach Medienberichten zwischen 1,5 und 2,5 Millionen Euro lag. Nach dem Abstieg hieß es allerdings plötzlich, diese Option habe nur für die Erste Liga gegolten und sei damit hinfällig. Die Rückkehr von Petersen zu Werder Bremen war damit Formsache, und Bremen erklärte fortan, man wolle gerne mindestens 3-4 Millionen für den Stürmer haben. Ganz allgemein lautete der Tenor: Ein Stürmer wie Nils Petersen, der in der Rückrunde für Freiburg trotz Verletzung immerhin neun Tore erzielt hatte, will sowieso nicht in die Zweite Liga, und wird vermutlich auch Interessenten finden, sollte Werder nicht auf ihn setzen.

Ein Tag Hoffnung

Was in den folgenden Wochen passierte, war ein wunderschönes Beispiel dafür, wie hysterisch, gleichzeitig kopflos und allgemein ziemlich blind herumstochernd Fußballberichterstattung funktioniert. Gerade wenn es um Transfers, Spekulationen und Kaderplanungen geht. Die Freiburger Fans sahen zunächst mal zu, wie eine Reihe gestandener Spieler das Schiff verließen (siehe oben). Nicht weiter überraschend, hatte ich ja direkt am Abstiegswochenende auch schon vorhergesagt. Damit schien auch die Causa Petersen durch, bis Mitte Juni plötzlich Sportdirektor Hartenbach im „Kicker“ erklärte, Petersen habe tatsächlich ein Angebot des Sportclubs vorliegen: „Er weiß, was wir wollen und bereit sind darzustellen. Das ist sehr viel.“ Das selbsternannte Fachorgan des Deutschen Fußballs titelte dazu: „Petersen-Entscheidung steht kurz bevor“. In den sozialen Netzwerken explodierten die SC-Fans. Oder die SC-Fans ließen die sozialen Netzwerke explodieren. Es herrschte jedenfalls sehr viel Aufruhr. Immer durchmischt mit der bitteren Note als Unterton: „Warum sollte er denn tatsächlich kommen? So einer muss doch an sein Gehalt und seine Karriere denken…“

Direkt einen Tag später meldete sich Petersens Berater zu Wort, gleich an mehreren Stellen. Die BILD schrieb „Freiburg blitzt ab!“, und Berater Baumgarten verkündete: „Petersen wird erste Liga spielen.“ Alle Hoffnungen zerstoben. Aus, aus, aus! Das Spiel ist aus! Petersen sagt „Nein!“.

Hat er?

Mir kam das schon damals seltsam vor. Ein Berater ist nun mal dazu da, um zu feilschen, um Werbung zu machen, um Verhandlungspoker zu betreiben. Das ist sein Jobprofil. Keiner dieser drei Bestandteile des Jobprofils bedeutet zwangsweise, dass der Berater öffentlich die Wahrheit sagen muss. Man könnte sogar als Berater auf die Idee kommen, die Wahrheit ist in diesem Fall schädlich. (Zumindest für das eigene Geldsäckel und das des Spielers. Was ständige Nebelkerzen für das Image des Spielers ausmachen, steht auf einem anderen Blatt. Robert Lewandowksi lässt grüßen.

Schaut! Alle! Her!

Mein Verdacht war vor zwei Wochen folgender: Petersen hat seinem Berater signalisiert, dass er durchaus Interesse an Freiburg hat, und ihn beauftragt, Verhandlungen zu führen. Gleichzeitig ließ er es sich offen, abzuwarten, ob andere Angebote ins Haus flattern (man weiß ja nie, wann überraschend Real Madrid anruft), oder was sich in Bremen so ergibt. Der Berater registrierte, dass sich auf dem Markt insgesamt zu wenig tut, und versuchte, etwas nachzuhelfen: „Schaut! Alle! Her! Hier ist ein Superstürmer, der total begehrt ist bei ganz vielen Erstliga-Vereinen! Stellt euch schnell in die Schlange der Interessenten, sonst verpasst ihr was!“

So in etwa.

Die nächsten Tage passierte dann folgendes: Gefühlt jeden Tag griff irgend eine Zeitung die Nachricht „Petersen geht doch nicht nach Freiburg“ auf. Zitiert wurde jedes Mal der Berater. Es war also eine Nicht-Meldung, aber durch die ständige Wiederholung wurde sie jeden Tag ein stückweit realer. Der Kicker schrieb im Transferticker scheinbar abschließend: „Petersen wechselt nicht nach Freiburg„. (Es heißt ja gerne, das einzig sinnvolle am „Kicker“ sei eigentlich nur, dass sie gut informiert seien. Ich hab da mittlerweile so meine Zweifel…). Exakt einen Tag später schrieb auch die BILD nochmal vom „Korb für Freiburg.“ Neuigkeitswert? Null. Journalistik-Wissenschaftler zum Thema „Wie schreiben Zeitungen voneinander ab und tun jedes Mal so, als hätten sie exklusive Neuigkeiten?“ hätten ihre helle Freude an dem Fall. Einen Tag später spekulierte die „Allgemeine Zeitung“ aus Mainz, dass Petersen ja gut ins Profil von Mainz 05 passen würde, was prompt von anderen Medien aufgegriffen wurde mit den Worten: „Mainz will Petersen“.

Verschwindend geringe Chancen. Angeblich

Noch vor zwei Tagen gab es einen in dieser Hinsicht typischen Artikel: Die „Kreiszeitung“, normalerweise exzellent informiert über alle Belange rund um Werder Bremen, zitierte Petersens Berater: „Nils würde gerne in der ersten Liga bleiben. Und er will viel spielen. Er möchte aber auch eine Wertschätzung spüren.“ Und: „Das ganze Paket muss total passen.“ Die Kreiszeitung folgerte daraus: Bei Freiburg passt das nicht. Fehlt ja ein Teil. Der erste. Der wichtigste. Erste Liga und so. Fazit: „Deshalb sind die Chancen verschwindend gering.“ Wohlgemerkt: Ein Zitat der Zeitung. Nicht des Beraters. Der Berater wiederum ließ nochmal so ganz nebenbei die Bemerkung fallen, man habe Clubs aus England, Spanien und Italien abgesagt. Schaut! Alle! Her! Hier gibt es was zu kaufen!

Wenn man sich das ganze zwei Tage später noch einmal durchliest, dann drückt der Berater indirekt eine sehr große Chance für Freiburg aus: Viel spielen. Und Wertschätzung. Zwei Punkte, die Petersen beim SC quasi garantiert hat. Von welchem anderen Club kann man das im Vorfeld, vor einer Verpflichtung, schon sagen? Wollte aber niemand sehen. Weil es zu absurd schien: Warum sollte jemand wie Petersen in die Zweite Liga gehen? Was tatsächlich ablief, war wohl schlicht folgendes: Es wurde gepokert. Von allen Seiten. Berater, Sportclub und vermutlich auch Bremen einigten sich auf die besten Konditionen. Mit ein paar elegant durchgestochenen Meldungen, um den Gegner zu reizen. Pokerpartie um Petersen.

Papst? Messias? Noch mehr?

Die SC-Fans jedenfalls schwankten zu der Zeit irgendwo zwischen Hysterie, Hoffnung, Schnappatmung und „Hört-endlich-auf-mit-Petersen-ich-kanns-nicht-mehr-hören!!“. Grund dafür war, dass SC-Präsident Fritz Keller bei der Jahreshauptversammlung der Fangemeinschaft mehrere kryptische Sätze fallen ließ: Es komme ein „Königstransfer“, der Freiburg gut kenne, den die Fans gut kennen, und der wisse, wo das Tor steht. Wollte man die Worte wörtlich nehmen, konnte das eigentlich nur Petersen sein. Da ja aber seit Tagen monoton vermeldet wurde, dass Petersen nicht kommt, und, offen gestanden, Fritz Keller sich manchmal auch in seinen Aussagen etwas verknotet, schossen also die Spekulationen wieder wild ins Kraut. Der „Petersen“-Thread im Forum von Transfermarkt.de schlägt sämtliche anderen Spieler-Threads um Längen. Wohlgemerkt inklusive all derer Spieler, die deutlich länger im Verein waren als sechs Monate.

Tatsächlich war bei mir persönlich zumindest heute das Gefühl weniger „JAAAAA! Petersen kommt!“, sondern eher etwas in der Richtung wie: „Na, gottseidankendlichistneentscheidungda…!“

Womit wir bei der letzten Facette wären: Petersen, der Papst? Der Messias? Oder noch mehr?

Fest steht, die Freiburger Fans sind geradezu euphorisch, und der Überschwang gilt nicht nur der Tatsache, dass Petersen ein wirklich sympathisches und für die gebeutelte Fanseele auch dringend notwendig aufmunterndes Zeichen gesetzt hat. Er ist auch ein wenig vermischt mit der Hoffnung: „Jetzt haben wir eine reelle Chance, direkt wieder aufzusteigen.“ Oder anders gesagt: Petersen schießt uns bestimmt 55 Tore. Mindestens.

Die Freiburger Crux mit der Stürmer-Abhängigkeit

Es sollte nach dem ersten Champagnerkorkenknallen klar sein, dass zumindest letztere Hoffnung eine gewagte ist. Auch wenn man sie etwas herunterreguliert. Fakt ist, auch ein Petersen ist nicht gefeit davor, sich zu verletzen, oder ein Seuchenhalbjahr hinzulegen, so wie Admir Mehmedi, der Stürmerhoffnung der vergangenen Saison, der im Jahr davor noch so überragend aufgetrumpft hatte, dass es kein Risiko schien, ihn zum teuersten Transfer aller Zeiten zu machen (irgendwo zwischen 4 und 6 Millionen Euro) – und es sich am Ende eben doch als Fehlgriff herausstellte. Zumindest für die vergangenen zwölf Monate. Das sind die üblichen Risiken und Bauernregeln des Fußballgeschäfts.

Viel entscheidender ist aus meiner Sicht aber etwas anderes: Der SC Freiburg hatte immer dann herausragende Saisons, wenn sich die Tore auf möglichst viele Schultern verteilt hatten. Wenn man ein Team hatte. Das System des SC ist eigentlich nicht gemacht für einen einzigen Stoßstürmer, den der Gegner notfalls kaltstellen kann. Papiss Demba Cisse hatte ein überragendes Jahr mit Freiburg, und schon in der Hinrunde danach plötzlich Ladehemmungen. Was auch daran lag, dass Freiburg ausrechenbar geworden war. Oder schlimmer noch: Weil auch die Laufkreativität der Spieler plötzlich erstickt schien durch den Fokus auf den einen Stürmer.

Um ein paar Binsenweisheiten reicher

Petersen allein wird es nicht richten. Es wird ein Team brauchen. Das ist eine Binsenweisheit, aber manchmal tun Binsenweisheiten ganz gut. Ich bin jedenfalls nach den vergangenen Wochen um einige Binsenweisheiten reicher. Unter anderem: Traue keinem Zitat eines Spielerberaters. Und natürlich um Schopenhauers Zitat, für diesen Zweck leicht auf die banale Fußball-Ebene herabgeholt: „Jede Wahrheit durchläuft drei Stufen: erst erscheint sie lächerlich, dann wird sie bekämpft, schließlich ist sie selbstverständlich.“

Die Wahrheit ist also: Petersen wechselt nach Freiburg. Schönen Gruß an „Kicker“ und BILD.

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