Spieltag 1: Werder Bremen verliert gegen Schalke

100-Prozent-WerderWir schreiben den 15. August 2015. Die 53. Bundesligasaison startete gestern mit einem fulminanten 5:0 der Bayern gegen die (bisher) unabsteigbaren Hamburger. Der gehässige Bremer könnte raunen: alles wie erwartet. Wo wir schon beim Thema wären: Erwartungen, oder genauer: Hoffnungen.

Ich bin Bremer. Gebürtig. Sonst verbindet mich persönlich nicht viel mit der Hansestadt an der Weser. Sie ist in vielen Bereichen hässlich und ungepflegt. Eine der chiceren Gegenden ist der Osterdeich. Dort steht auch das Weserstadion. Eines der wenigen Stadien, die immer noch den ursprünglichen Namen tragen. Bremens gute Stube. Dort spielt Werder Bremen. Dort kommt der Bremer und der ausserhalb Wohnende gerne hin. Weil es für uns Bremer irgendwie auch ein Ort der Träume(r) ist. Manchester hat das “Theatre of Dreams“, wir das Weserstadion.

Denn irgendwie träumt der Bremer Jahr für Jahr von einer besseren Welt, in der noch Wunder geschehen können. Wunder sollen an der Weser sprichwörtlich zu Hause sein. Der Bremer hat davon schon einige erlebt. Ich zähle mich dazu. Ich bin auch so einer, der jedes Mal, jedes Jahr, ja – jedes Wochenende hofft, es möge ein Wunder geschehen. So auch heute.

Die Bremer Vorbereitung kann als erfolgreich gelten. Nicht verloren, keine Schwerverletzten. Sogar im Pokal kam man gegen drittklassige Würzburger  dank zweitklassiger Leistung weiter. Einige Überraschungen gab es auch. So taten sich der Schweizer Ulisses Garcia  und ein junger Mann aus Gambia, Ousman Manneh, hervor. Leider tat sich auch ein anderer hervor: Franco di Santo mit seinem “I hope no“, 5 Minuten vor seinem Wechsel zu Schalke. Befindlichkeiten, ausgerechnet am Tag der Fans. Aber auch das passt irgendwie nach Bremen. “Perfekt“ ist halt nicht so unser Ding.

Herr du Santo feierte heute sein Wiedersehen in Bremen. Feierlich war es für ihn allerdings nur vom Ergebnis her. 3:0 gewann Schalke verdient in Bremen und zeigte dabei höhere individuelle Klasse, Disziplin und Effektivität im Angriff. An di Santo lag dies nicht. Das erste Tor schoss sogar ein Bremer. Leider ins falsche Tor. Bis dato und auch daraufhin bis zum 2:0 stimmte es leistungstechnisch bei den Bremern. Man versteckte sich nicht, spielte die hinten erkämpften Bälle gut aus der Abwehr heraus. Das Umschalten klappte bis ins Mittelfeld gut. Doch je länger das Spiel dauerte, desto offensichtlicher wurde es, dass “Le Chef“ im offensiven Mittelfeld noch nicht gefunden wurde. Bzw. die in den Startlöchern stehenden Öztunali, Aycicek, Eggestein und Co. (noch) nicht die Bundesliga-nötige Klasse, den Witz und die Abgeklärtheit haben, gegen große Mannschaften wie Schalke echte Akzente zu setzen.

Die Betonung liegt auf “noch nicht“. Denn nicht erst seit gestern hat man die genannten Spieler als große Hoffnungen für das Mittelfeld entdeckt. Jung, engagiert, bissig im Training. Hoffnungsträger, vielleicht noch nicht heute, aber vielleicht finden sie im Laufe des Wettbewerbs ihr Selbstbewusstsein und haben auch das nötige Glück. Hoffnung, davon versteht man etwas in Bremen.

Hoffnung besteht auch bei Ulisses Garcia. Der 19jährige Linksverteidiger feierte ebenso wie Aron Jóhannsson sein Bundesligadebut. Im Gegensatz zum neuen Stürmer wirkte der junge Portugiese allerdings nervös und leistete sich, genauso wie sein Nebenmann Vestergaard einige, teilweise kapitale Fehler. Positiv: er war ballhungrig; wenn er ihn aber hatte, verlor er ihn zu oft viel zu leicht.

Positiv fiel mir heute der von mir lange kritisierte Assani Lukimya auf. Bis auf die Situation beim 2:0 (bei der mehrere Bremer Totalausfälle zeigten) wirkte er auf der Höhe des Geschehens und rettete ein paar Male in höchster Not. Auch ihn kann man, Stand heute, zu den Gewinnern der Vorbereitung zählen.

Und der neue Werder-Sturm mit Ujah und Jóhannsson? Diese hatten heute zwanzig Minuten Zeit gemeinsam Bundesligaluft zu schnuppern. Beide litten merklich darunter, dass die guten Pässe aus dem Mittelfeld fehlten. Ujah, der übrigens durchspielte, hatte darüber hinaus auch kaum Situationen, in denen er glänzen konnte.
Schalke war heute sicher mindestens eine Nummer zu groß für diese Werder Mannschaft, die dennoch gerade auch nach dem Rückstand den Ausgleich suchte und dabei überwiegend eine gute Figur machte. Trotzdem gehen die Punkte verdient nach Gelsenkirchen.

11 Monate ist mein letzter Post her, als Werder nach 7 Spieltagen auf Platz 18 anlangte, oft kämpferisch überzeugte, aber eben nicht gewinnen konnte. Ich habe bei dieser Mannschaft aber ein anderes Gefühl, mehr Hoffnung als damals. So schmerzt das 0:3 heute zwar schon, aber wie sagt man so schön: Mund abputzen, weitermachen. Denn: es ist erst der erste Spieltag und es war Schalke. Die Vorstellung heute war keine Katastrophe, sie wirkte mutig und weckt Hoffnungen. Und das trotz Niederlage. Denn in kaum einer Situation in der Saison kann man so “unbeschwert“ verlieren, wie zu Beginn. Die neuen Spieler haben die Bundesliga gerochen, erlebt, gefühlt. Und das auch noch zu Hause. Das müssen sie mitnehmen ins Training.

Ich wünsche uns allen eine tolle Saison!

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4 Gedanken zu “Spieltag 1: Werder Bremen verliert gegen Schalke

  1. Sehr gut geschrieben lieber Jan. Bin da auch komplett bei dir, wie sind ja auch nicht allein am ersten Spieltag, siehe Gladbach, Hamburg oder Mainz.

    Nächsten Freitag gg Hertha sollte es wohl besser laufen, Schalke kam einfach zu früh…

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  2. Hallo Jan, ich hab mir mal erlaubt, dein Bild so zu platzieren, dass der Text besser drumrum fließt. 🙂

    Gab es denn eigentlich in Bremen nach dem Di-Santo-Weggang unter den Fans eine Diskussion darüber, dass man doch besser Petersen behalten hätte? Oder war eh irgendwie klar, dass Petersen keinen Stammplatz bekommen hätte und man hat ihm nicht viel zugetraut.

    Es klingt jedenfalls so, als setze Bremen mal wieder auf Jugend, was zwar für einen Fan immer nervenaufreibend ist („Spiel doch nicht DAHIN, du nervöser Depp!!!“), aber langfristig auf jeden Fall die Hoffnung auf bessere Perspektiven birgt. Nichts schöner, als wenn man auf eine Saison zurückschauen kann und einem auffällt, wie sehr sich Spieler XY doch erstaunlich verbessert hat in den vergangenen Monaten…

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    • @reingeluct generell traut man der Nachwuchsarbeit in Bremen traditionell eine Menge zu. Hätte man bei seinem Lieblingsclub allerdings eine bessere finanzielle Situation (die nicht direkt und indirekt einen relativ erfolgreichen Abschluss der Saison voraussetzt, denn die Rücklagen der vergangenen Jahre sind aufgebraucht), so könnte man diesen Spielern auch mehr Zeit geben.
      So ist es nun so, dass man Talente hat, der Druck aber auch enorm groß ist.
      Stichwort Petersen: er hat mit seiner Definition von Stürmertum keine Zukunft in Bremen.

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  3. Ich sehe es ähnlich wie Jan. Ihr habt in dem Spiel gezeigt, dass ihr dieses Jahr den Klassenerhalt schnell sichern könnt. Aber ihr dürft dieses Jahr noch nicht enttäuscht sein, wenn ihr die besten sechs Mannschaften der Bundesliga nicht schlagen könnt.

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