„Der eigentliche Vater des WM-Erfolgs 2014“

Ein Machtmensch, ein streitbarer Sportfunktionär, ein erfolgreicher Manager, ein Krisenprofi und knallharter Politiker – Es gibt viele Umschreibungen für Gerhard Mayer-Vorfelder. Der ehemalige Präsident des VfB Stuttgart ist am 17. August 2015 in Stuttgart gestorben. Ein Rückblick.

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Machtmenschen verpasst man gerne ein Kürzel. Manchmal aus Respekt, manchmal um den alltäglichen Sprachgebrauch bei Namensüberlänge zu vereinfachen. Manchmal auch, um der Person eine gewisse spöttische Note beizumessen. Den ehemaligen IWF-Direktor und von Affären geplagten Dominique Strauss-Kahn kürzte man in den Tageszeiten gerne mit DSK ab. Bei dem über seine Doktorarbeit gestolperten CSU-Politiker Karl Theodor zu Guttenberg reichte es immerhin zu einer eingängigen Verkürzung des Vornamens. Und auch Gerhard Mayer-Vorfelder erhielt im Laufe seiner Schaffenszeit eine Abkürzung. Man sprach vom MV, wenn er sich mal wieder zu Wort gemeldet hatte. Oder von sich reden machte.

Es gab Zeiten, da war das MV eine Marke für politisch, später für sportpolitisches Gewicht. DFB-Präsident Wolfang Niersbach nannte es zuletzt ein „Gütesiegel“. Vermutlich dürfte Mayer-Vorfelder das gefallen haben, immerhin pflegte die Familie Mayer-Vorfelder ihren Namen und war schon früh um ein gewisses Alleinstellungsmerkmal bemüht. So ergänzte 1935 Mayer-Vorfelders Vater den Familiennamen (Mayer) um den Geburtsnamen seiner Mutter (Vorfelder). Angeblich habe er sich so von den „übrigen Mayers“ im Dorf unterscheiden, abgrenzen und Verwechslungen verhindern wollen.

„Wenn ich Ihnen ins Gesicht sehe, bekomme ich wieder einen Adrenalinspiegel

Geboren am 3. März 1933 in Mannheim, aufgewachsen in Waldshut bei Freiburg, führte den jungen Gerhard Mayer-Vorfelder das Jurastudium nach Heidelberg. Wie sein Vater entschloss er sich später eine politische Karriere einzuschlagen und trat 1959 seinen Beruf als Regierungsrat im schwäbischen Nürtingen an. Mitte der 1970er Jahre wurde der ehrgeizige CDU-Politiker in der Landesregierung des damaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger zum Staatssekretär und schließlich von dessen Nachfolger Lothar Späth 1980 zum Kultus- und Sportminister ernannt. Elf Jahre später übernahm er im Kabinett Wolfgang Teufels das Finanzministerium und machte sich in den Folgejahren einen Namen als harter, streitbarer Politiker. „Wenn ich Ihnen ins Gesicht sehe, bekomme ich schon wieder einen Adrenalinspiegel“, rief er seinen Kontrahenten schon einmal zu und sparte auch sonst nicht mit Angriffen knapp oberhalb der Gürtellinie. Diskussionen und offen ausgetragene Konflikte mit der Lehrerschaft in Baden-Württemberg oder den Gewerkschaften bezeichnete er schnell mal als „Feldschlacht“, die es zu führen gelte. Mayer-Vorfelder, stets ein Verfechter konservativer Thesen, polarisierte und mischte die Bevölkerung im „Ländle“ sogar soweit auf, dass diese zu Protestkundgebungen gegen MV aufrief – was ihn freilich nur wenig beeindruckte: „Wenn ich angegriffen werde, habe ich mich auch verteidigt.“

Zur Verteidigung musste er oft greifen. Immer wieder warf man im Verwicklungen in politische Affären vor, wie zum Beispiel im Jahr 1994 der sogenannte Lotto-Affäre oder im Fall der Steuerhinterziehung von Peter Graf, der ihm später Wortbruch und indirekt Amtsmissbrauch vorwarf. Mayer-Vorfelder warf sich leidenschaftlich in die Diskussionen, bewies aber auch Instinkt, indem er in den richtigen Momenten schwieg und andere die Konflikte mit den politischen Gegnern führen lies. Mit seiner Haltung und seinem Politikstil soll er sogar das bayerische, erzkonservative CSU-Urgestein Franz-Josef Strauß so sehr beeindruckt haben, dass dieser ihm stets „Asyl“ in Bayern angeboten haben soll. Doch flüchten musste MV nicht. Auch als er 1998 aus dem Ministeramt ausschied. Denn längst hatte er neben seiner politischen Laufbahn eine zweite Karriere eingeschlagen: Als Sportfunktionär.

„Ich lasse mir nicht absprechen, dass ich ein Herz für den VfB habe“

Zeitgleich zu seinem beruflichen Werdegang stieg der sportbegeisterte Mayer-Vorfelder, der auch später regelmäßig das Sportabzeichen abgelegt und dabei bis in hohe Altersklassen bei aller Fairness die Regeln des Erlaubten ausgereizt haben soll, beim württembergischen Fußballverband (WFV) ein. Nach einer Zeit als Vorsitzender des Verbandsgerichts wurde er 1968 Mitglied des Vorstands. Nur sieben Jahre später übernahm er, der in Baden Geborene und Aufgewachsene das Präsidentenamt beim schwäbischen Aushängeschild  VfB Stuttgart – und musste anfangs um Akzeptanz kämpfen, wie alte Filmaufnahmen von der damaligen Mitgliederversammlung beweisen: „Ich lasse mir nicht absprechen, dass ich ein Herz für den VfB habe. Und dieses Herz für den VfB habe ich nicht nur heute Abend hier in der Mitgliederversammlung, sondern auch dann, wenn ich nicht gewählt werde.“ (siehe Video)

Zuvor war er zwar schon im Verwaltungsrat des VfB aktiv gewesen, doch von nun an wollte er das höchste Vereinsamt übernehmen – und gewann die Wahl. Trotzdem stieg der VfB Stuttgart zu Saisonende ab und landete in der darauffolgenden Spielzeit sogar nur auf einem enttäuschenden 11. Platz. Doch Mayer-Vorfelder gelang es den Verein wieder aufzurichten. Gemeinsam mit dem neu verpflichteten Trainer Jürgen Sundermann stellte er ein Team zusammen, dass in der Saison 1976/77 in der Südstaffel der 2. Bundesliga mit exakt hundert geschossenen Toren (davon alleine 22 Treffer von Ottmar Hitzfeld) den ersten Platz belegte. Der VfB Stuttgart war zurück im Oberhaus und MV schrieb seine Erfolgsgeschichte als Präsident fort. Getragen von der Aufstiegseuphorie landete der Traditionsklub vom Neckar in der Folgesaison auf Platz 4 und verzeichnete einen Zuschauerschnitt von damals sagenhaften 54.000 Fans pro Spiel. Stuttgart stieß wenig später bis ins Halbfinale des UEFA-Cups vor und gewann 1984 schließlich die Deutsche Meisterschaft. Mayer-Vorfelder, im Umfeld längst akzeptiert und gefeiert, stellte auch abseits des Platzes die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft, in dem er über 5 Millionen DM für ein neues Clubzentrum investierte. Schon damals legte er Wert auf die Einbindung und Ausbildung von jungen Spielern.

Die absolute Krönung im europäischen Wettbewerb blieb ihm allerdings versagt. Der VfB verlor 1989 scheiterte ebenso tragisch wie dubios. Das Europapokal-Finale, noch mit Hin- und Rückspiel ausgetragen, gegen den SSC Neapel endete in der Endabrechnung 4:5 für die Italiener. Allerdings erzielte Diego Maradonna im Hinspiel ein Tor, nachdem er den Ball mit der Hand gespielt hatte. Außerdem bekamen die Stuttgarter einen unberechtigten Elfmeter gegen sich gepfiffen und mussten nach einer unberechtigten gelben Karte auf Guido Buchwald im Rückspiel verzichten. Ungereimtheiten, die die UEFA später zur Sperrung des griechischen Schiedsrichters verleitete – ohne aber Einfluss auf die Wertung des Spiels zu nehmen.

Aus der Enttäuschung entstand neuer Mut. Längst tummelten sich am Neckar in dieser Zeit gestandene Spieler und hoffnungsvolle Talente wie Jürgen Klinsmann, Asgeir Sigurvinsson, Eike Immel, Matthias Sammer, Guido Buchwald oder der junge Fritz Walter. Vereint vom Familienvater Mayer-Vorfelder und trainiert von Christoph Daum (Daum: „Für mich war er der beste Präsident den ich je gehabt habe“) errang der VfB Stuttgart 1992 die zweite Meisterschaft in der Amtszeit von MV. Fünf Jahre später folgte mit dem Gewinn des DFB-Pokals (und unter sportlicher Leitung von Trainer Jogi Löw) der dritte Titel.

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Fünf Trainer, hohe Schulden, eine chaotische Saison und der Abschied aus Stuttgart

Mayer-Vorfelder schien unantastbar und doch hatte er sein Zenit als Vereinspräsident längst überschritten. Es dauerte keine zwei Jahre und der VfB Stuttgart stand nach einer katastrophalen Saison kurz vor dem Abstieg und der Aufsichtsrat versagte Mayer-Vorfelder die Gefolgschaft. Begonnen hatte der Ärger mit der vielerorten nicht nachvollziehbaren Entscheidung, den Vertrag mit Erfolgstrainer Jogi Löw im Sommer 1998 nicht zu verlängern – obwohl er die Stuttgarter bis ins Finale im Pokal der Pokalsieger führte, was allerdings 0:1 gegen den FC Chelsea verloren ging. Der Machtmensch MV hatte nach dem Pokaltriumph ’97 die Meisterschaft erwartet. Die holte sich aber stattdessen der 1. FC Kaiserslautern sensationell als Aufsteiger und Mayer-Vorfelder zog die Konsequenzen. Bei Löws Nachfolger bewies er allerdings kein glückliches Händchen. Mit Winnie Schäfer holte er einen Trainer, der mit dem badischen Erz-Rivalen Karlsruher SC seine größten Erfolge feierte und deshalb nie wirklich Akzeptanz in der VfB-Anhängerschaft fand. Schon im November und nach nur fünf Monaten war für den Mann mit der blonden Mähne Schluss. Es folgten unruhige Monate und mit Wolfgang Rolff, Rainer Adrion und zum Saisonbeginn 1999/2000 Ralf Rangnick drei weitere Trainer. Der VfB schlitterte im verrückten Saisonfinale 1999 knapp am Abstieg vorbei und verzeichnet zeitgleich einen stattlichen Schuldenberg von 30 Millionen DM, den Mayer-Vorfelder vor allem durch seine verunglückte Transferpolitik – zumindest nach Ansicht des Aufsichtsrats – zu verantworten hatte. Hinzu kam – ganz im Stile eines Patriarchen – seine Selbsternennung zum hauptamtlichen Präsidenten.

„Meiner allerbeste Idee: Jürgen Klinsmann zum Bundestrainer zu machen“

Mayer-Vorfelders Zeit beim VfB Stuttgart war beendet. Unschön, aber doch schon bald wusste man an der Mercedesstraße seine Verdienste zu schätzen, ernannte ihn später zum Ehrenpräsidenten und begrüßte ihn als gern gesehenen Gast. Der mittlerweile 67-Jährige ging indes seines Weges und erfüllte sich einen Lebenstraum: Ende April 2001 übernahm er das Amt des DFB-Präsidenten und bereitete Deutschland auf die Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land vor. Akzeptanz genoss MV in den höheren Kreisen des deutschen Fußball schon früh (Uli Hoeneß: „Er ist ein Mann der polarisiert und das gefällt mir.“). Von 1992 bis 1998 und später noch einmal von 2002 bis 2007 gehörte er zudem dem FIFA-Exekutivkomitee an und war somit gut im Fußballgeschäft vernetzt. An höchster Spitze im deutschen Fußball angekommen gab er sofort an den Titelgewinn im eigenen Land als Zielsetzung aus, träumte von der ultimativen Krönung seiner Funktionärslaufbahn. Und erwies sich dabei einmal mehr als Krisenmanager.

Als nach der desaströsen Europameisterschaft 2004 Rudi Völler zurücktrat und die Nationalmannschaft ohne Trainer da stand, bewies MV Ruhe, Geschick und überraschte wenig später die deutsche Fußballlandschaft mit der Installierung seines alten Freundes und ehemaligen Spielers Jürgen Klinsmann als Bundestrainer – mit Jogi Löw an dessen Seite. Mit diesem Alleingang, nach dem Muster seines in den Jahren zuvor geprägten Stils, zog er den Unmut auf sich. Noch im gleichen Jahr wurde MV mit Theo Zwanziger ein weiterer Funktionär an die Seite gestellt. Deutlich gekränkt sprach er manchmal öffentlich vom „Sündenbock“, zu dem man ihn gemacht habe. Und doch oder gerade deshalb betonte er immer wieder, erst recht nach der erfolgreichen WM 2006: „Jürgen Klinsmann zum Bundestrainer zu machen, das war meine allerbeste Idee.“

Klinsmann selbst vergaß es seinem Freund und Förderer nie. Häufig sprach der in den USA lebende Coach von „seinem MV“, der ihm selbst in Zeiten schlimmster Kritik nicht in den Rücken fiel. Auch als 2005 Klinsmanns Vater starb, lies es sich Mayer-Vorfelder nicht nehmen, bei der Beerdigung persönlich anwesend zu sein. Klinsmann erinnerte sich später: „Nach dem Tod meines Vaters – da tauchte er acht Wochen nach der Beerdigung in der Familien-Bäckerei in Botnang auf einen Kaffee auf: ‚Frau Klinsmann – wie geht es?‘ Als ich mich dafür bedankt habe, hat er gesagt: ‚Warum? Das habe ich doch versprochen‘ “

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Schleichendes Ende, umstrittene Äußerungen, aber der Vater des WM-Titels 2014

Als das Sommermärchen 2006 (natürlich) in Stuttgart mit dem dritten Platz endete, da war auch Mayer-Vorfelder mit seiner Amtszeit beim DFB allmählich am Ende. Gezeichnet von den zurückliegenden Monaten schied er im September 2006 aus dem Amt aus. Theo Zwanziger, mit dem er zwei Jahre lange gezwungenermaßen eine Doppelspitze bilden musste, übernahm das Präsidentenamt. Es wurde ruhig um Mayer-Vorfelder, der sich allerdings noch mit einigen umstrittenen Äußerungen auseinandersetzen musste. So warf man ihm vor, nachdem er nahezu überschwänglich den neu entfachten Stolz „des deutschen Volks“ während der Heim-WM gelobt hatte, nationalistische Gedanken vor. Wie schon in seiner politischen Schaffenszeit sah sich MV großem öffentlichen Druck ausgesetzt. Auch ein gewisser Hang zum Alkoholkonsum wurde ihm nachgesagt.

Kleine Schrammen blieben und doch wird Mayer-Vorfelder, der mit vielen Ehrungen, unter anderem dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde, und sein Wirken heute überwiegend positiv wahr genommen. Seit 2006 war er zwar weiterhin öffentlich aufgetreten und nahm an Sitzungen als DFB-Ehrenpräsident teil. Aber auch wenn er einen anderen Eindruck zu erwecken versuchte – körperlich baute er zuletzt immer weiter ab, vor allem sein Hörvermögen soll stark nachgelassen haben. Richtig gefreut haben wird es sich allerdings noch einmal im letzten Jahr, als die deutsche Nationalmannschaft endlich den WM-Titel erringen konnte. Denn immerhin bestätigte es – wenn auch spät – seinen Anfang der 2000er Jahre und gemeinsam mit dem Duo Klinsmann/Löw geprägten Weg. „Er hat im Jahre 2000 mit den Nachwuchsleistungszentren und der Förderung der Jugendspieler die Basis für den Aufschwung des deutschen Fußballs geschaffen“, sagt Jürgen Klinsmann. „Ich bin unendlich froh, dass er im vergangenen Sommer diesen WM-Triumph in Brasilien erleben durfte.“ Oder, wie es sein alter Kontrahent Theo Zwanziger formulierte: „Der Ausbau der Leistungszentren ist sein Verdienst – und damit ist er für mich der eigentliche Vater des WM-Erfolgs 2014.“

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