Zum Wechsel von Julian Draxler

Kurz vor Schluss der Transferphase ist Julian Draxler vom FC Schalke 04 zum VfL Wolfsburg gewechselt. Die Gründe für seinen Abgang liegen in der Erwartungshaltung im Umfeld und seiner stagnierenden Entwicklung. In Gelsenkirchen kann man sich trotz des Verlusts sportlicher Qualität immerhin über 35 Millionen freuen, verpflichtet allerdings keinen Ersatz für den Nationalspieler.

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Rückblickend scheint es paradox, dass Julian Draxler sein letztes Spiel für Schalke 04 ausgerechnet an jenem Ort absolvierte, an dem er künftig seine Fußballschuhe schnüren wird. Die Wolfsburger Arena ist von nun an der Arbeitsplatz des 21-Jährigen. „Hätte ich Donnerstag gewusst, dass er geht, hätte er Freitag in Wolfsburg nicht mehr gespielt“, sagte André Breitenreiter nach dem vollzogenen Wechsel am Montag. Der neue Schalke-Trainer ging, wie er gegenüber der Bild-Zeitung erklärte, davon aus, dass nach dem Scheitern der Verhandlungen mit Juventus Turin, ein Wechsel Draxlers vom Tisch gewesen sei. Allerdings hatte man auch in Wolfsburg vom fehlgeschlagenen Geschäft mit dem italienischen Champions League-Finalisten gehört und angesichts des zu erwartenden Abgangs von Kevin De Bruyne gehandelt. Freitagabend soll es zu ersten Verhandlungen gekommen sein. Drei Tage später ging der Transfer über die Bühne. Ein schnell eingefädelter Wechsel, der in den Reihen der Blau-Weißen eine Lücke hinterlässt.

Identifikation und Erwartungen als Last und Druck

Immerhin 14 Jahre lang hatte Julian Draxler für die Knappen in den Jugendmannschaften und der Profi-Elf gespielt. Mit 17 Jahren und 117 Tagen debütierte er im Januar 2011 für Schalke in der Bundesliga, war der damals jüngste eingesetzte Akteur der Gelsenkirchener in Liga 1. Von da an nahm seine Karriere Fahrt auf: Er unterzeichnete einen Profivertrag, stand wenig später in der Startelf und bereitete ein Tor vor. Am 25. Januar 2011 folgte der erste eigene Treffer: Im DFB-Pokal-Viertelfinale schoss Draxler beim Stand von 2:2 in der 119. Minute das Siegtor – und galt fortan als die Schalker Integrations- und Symbolfigur schlechthin. Sein Aufstieg ging weiter: Er kam zu seinem ersten Einsatz in der Champions League, erzielte seinen ersten Bundesligatreffer und traf zum Abschluss einer für ihn traumhaften Rückrunde 2010/2011 im DFB-Pokalfinale zum 1:0 gegen den MSV Duisburg – womit er den Weg zum Titelgewinn ebnete. Fortan war Draxler fester Bestandteil in der Schalker Mannschaft.

Noch im Jahr 2012 knackte er als jüngster Spieler aller Zeiten die Marke von 50 Bundesligaeinsätzen und kam zuvor schon im August 2011 zu seinem Nationalelf-Debüt. Der kometenhafte Aufstieg war natürlich mit Erwartungen verbunden. Er galt dem emotionalen Schalker Publikum als der ausgemachte Hoffnungsträger für goldene Zeiten. Keine eingekauften Talente, keine Alt-Stars. Ein Kerl aus der eigenen Jugend symbolisierte die königsblauen Träume. Diese Bedeutung wurde 2013 eindrücklich sichtbar gemacht, als nach seiner Vertragsverlängerung bis 2018  die mittlerweile schon berühmten LKW-Plakatwände durch das Ruhrgebiet fuhren. Der blau-weiße Anhang feierte ihn dafür. Draxler war endlich wieder einer, der sich mit S04 langfristig identifizierte („Schalke ist für mich eine Herzensangelegenheit“). Und nun wurden genau diese romantischen Gefühle durch seinen Abgang erstickt. S04 hat mit Draxler nicht nur einen guten Fußballer, sondern auch ein Stück Identifikation verkauft.

Trotz aller wortgewaltigen und inhaltsschweren Beteuerungen vor zwei Jahren bleibt es doch fraglich, wie tief sich Draxler gerade gegen Ende seiner Schalker Zeit mit seinem Klub wirklich verbunden fühlte und die großen Erwartungen erfüllen wollte. Denn so großartig die Verlängerung bis 2018 klang – Draxler, sich seines großen Talents bewusst, ließ sich damals eine Klausel über 45 Millionen in den Vertrag schreiben. Eine Herzensangelegenheit mit Ausstiegsoption? Auch wenn die Ablöse utopisch hoch schien, auch wenn Draxler dem Weltmeisterkader 2014 angehörte – die Liebe des Publikums kühlte sich bemerkbar ab. Von der Euphorie zu Anfang blieb in den letzten Wochen nicht mehr viel übrig. Wohl auch weil Draxlers Karriere bedingt durch Verletzungen leicht stagnierte (immerhin verpasste er 22 Saisonspiele in der letzten Spielzeit). Zudem konnte er auch abseits des Platzes nicht die Führungsrolle übernehmen, die man sich im Sturm der enttäuschten Erwartungen zum Ausgang der Saison 2014/2015 erwartet hatte. Stattdessen erfüllte diese Position immer häufiger und medienwirksamer sein Kollege Benedikt Höwedes.

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Das längere Liebäugeln mit einem Wechsel nach Italien tat sein Übriges: Romantik und Identifikation wichen den Mechanismen des Geschäfts. So wie es auch Horst Heldt sagte: „Jule ist für null Euro gekommen, wir haben ihn ausgebildet und jetzt für 40 Millionen verkauft“, verteidigte der S04-Manager diese Woche den Wechsel. „Wir haben den teuersten Transfer der Vereinsgeschichte realisiert.“ Immerhin 35 Millionen wandern vom Konto des Pokalsiegers in Wolfsburg nach Gelsenkirchen – zuzüglich angeblich vereinbarter Bonuszahlungen, mit denen man auf Schalke schon beim Transfer von Manuel Neuer gute Erfahrungen (angeblich 15 Millionen) gemacht hatte. Ohne Frage ein gutes Geschäft, zieht man in Betracht, dass die Bayern gerade den zumindest aktuell deutlich stärkeren Douglas Coasta für fünf Millionen weniger kauften.

Kein Ersatz aber langfristige Investitionen? Was passiert mit den Millionen?

35+x Millionen – für den verschuldeten FC Schalke 04 gutes Geld, das man gebrauchen und investieren kann. Welche Verwendung die Millionen zugewiesen bekommen, dazu nahm Horst Heldt keine Stellung. Allerdings wird sich im Umkreis der Veltins-Arena mit Sicherheit ein passender Zweck finden. Denkbar, dass das Geld in die ohnehin schon gute Jugendarbeit der Knappen investiert wird, um auch zukünftig junge Talente ausbilden und gewinnbringend verkaufen zu können. Es wäre quasi der Paradeweg, den Mainz-Manager Christian Heidel im Juli vorschlug. Mit Blick auf die englischen Transfermillionen, die nun auf den deutschen Markt und durch die Wechsel von De Bruyne und Draxler indirekt auch nach Schalke geschwemmt werden, sagte er im Kicker: „Der Plan muss sein, viel Geld aus England nach Deutschland zu holen und trotzdem wettbewerbsfähig zu bleiben. Wir sollten es erneut in unser Scouting und in unsere Jugendarbeit investieren. Das rentiert sich.“

Auch wenn mit einer langfristigen, maßvollen Investition der Nutzwert höher liegen könnte: Es verwundert doch, dass nicht mal  Teil der 35 Millionen für einen Draxler-Ersatz ausgegeben wurden. Auch wenn Draxler erst am letzten Tag der Transferperiode den Wechsel verkündete, waren seine Abwanderungsgedanken und die Verhandlungen mit Turin schon seit längerer Zeit bekannt. Zwar versuchte Horst Heldt noch den Stuttgarter Filip Kostic zu verpflichten (angeblich für 20 Millionen), doch der Transfer platzte ebenso wie die Verpflichtung von Jakub Blaszczykowski, der wegen seiner Verbundenheit zum Intimfeind Borussia Dortmund einen Wechsel nach Italien vorzog – auch wenn Heldt in dieser Personalie später ernsthafte Absichten seitens Schalke 04 bestritt. Trotzdem oder gerade deshalb: Der S04-Manager muss sich fragen lassen, weshalb er keinen Plan B in der Tasche hatte. Nun fehlt dem Schalker Gefüge ordentlich spielerische Klasse.

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„Wir haben unseren besten Spieler verloren, unsere Qualität ist gesunken“, beklagte sich deshalb André Breitenreiter. Draxler spielte in seinen taktischen Überlegungen eine wichtige Rolle, war vielleicht sogar der Schlüsselspieler. Zum Saisonauftakt im Pokalwettbewerb beim 5:0-Sieg in Duisburg war er auf der (halb-)linken Seite mit seinem Stellungs- und Passspiel so sehr der Dreh- und Angelpunkt, dass die Taktikseite „Halbfeldflanke“ in ihrere Analyse betonte: „Es wäre eine merkwürdige Idee Draxlers, Schalke genau jetzt zu verlassen. Das neue System ist ihm quasi auf den Leib geschrieben. Und das hat man im Spiel gegen den MSV deutlich gesehen. Er hat viele Freiräume und kann all seine Qualitäten einbringen.“ Auch wenn Breitenreiter sein anfängliches System am letzten Freitag gegen Wolfsburg etwas änderte und Draxler zentraler aufbot, bleibt auf jeden Fall der große Qualitätsverlust im Schalker Kader bestehen. Egal ob Draxler über die linke Seite oder auf der 10 agiert.

Positionssuche und Erwartungshaltung als Wechselgrund

So wenig wichtig im ersten Moment die Frage nach der Position lautet: Sie könnte dazu beigetragen, dass Draxler nach einer neuen Herausforderung gesucht hat. Immer wieder hatte der gebürtige Gladbacker in den letzten Jahren betont, dass er sich selbst auf der Spielmacher-Position sieht. Die technischen Voraussetzungen dafür hat er zweifelsohne, allerdings kommt seine Spielweise nicht immer den Ansprüchen der 10er-Position entgegen. Draxler ist ein Spieler, der mit Tempo den direkten Weg zum Tor finden will, Distanzschüsse versucht und sich bietende Räume in den Abwehrreihen ausnutzt. Diese dynamische, schnelle Spielweise passt aber eher zu einem über die Außenbahn nach innen ziehenden Offensivspieler, als zu einem ballsicheren Spielmacher, der sich in der kompakten Defensive der gegnerischen Mannschaft zurecht finden muss. Draxler nutzt meistens die sich bietende Chance, indem er mit schnellen Sprints auf Zuspiele seiner Mannschaftskameraden gefährliche Situationen provoziert. Die Partie durch Passspiel und Überblick auf engem Raum gefährlich machen liegt ihm weniger.

Natürlich kann er diese Fähigkeiten noch lernen und sich dahingehend entwickeln. Immerhin steht Julian Draxler mit 21 Jahren noch relativ am Anfang seiner Karriere. Er braucht Zeit. Und darin liegt einer weiterer Grund, weshalb es ihn nach Wolfsburg zog. Nicht nur die Positionsfrage und die 7 Millionen Jahresgehalt, die er im Schatten der VW-Werke verdienen soll, gaben den Ausschlag. Draxler sah sich wohl auch den gestiegenen Erwartungen im Gelsenkirchener Umfeld nicht mehr gewachsen, nahm sie als Hemmschuh seiner Entfaltung wahr. „Ich glaube, dass es in Wolfsburg etwas ruhiger ist als auf Schalke“, erklärte er bei seiner Vorstellung bei den Wölfen und ergänzt: „Ich kann mich hier besser entwickeln.“ Im königsblauen Druckkessel sah er sich überfordert allen Ansprüchen gerecht zu werden. Und die wurden zuletzt auch noch von anderer Seite formuliert: „Ich erwarte, dass er sein enormes Potential nun dauerhaft ausschöpft“, sagte Jogi Löw letzte Woche über den Neu-Wolfsburger, den er für die Länderspiele gegen Polen und Schottland nicht nominierte. Im großen Angebot talentierter Mittelfeldspieler geht es für Julian Draxler weniger als ein Jahr vor der EM in Frankreich auch um seinen Platz in der Nationalmannschaft.

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Ob er nun in Wolfsburg den berühmten nächsten Schritt machen kann? Die hohe Ablösesumme provoziert gewisse Erwartungen, die es zu erfüllen gilt. Ähnlich wie bei André Schürrle, der im Winter für mehr 30 Millionen von Chelsea kam. Doch insgesamt findet sich der Neuzugang in einem entspannteren Umfeld – Fans wie Medien – wieder. Die Frankfurter Rundschau schrieb dazu: „In Wolfsburg führen Klaus Allofs und Dieter Hecking die Mannschaft mit natürlicher Autorität und ruhiger Hand.“ Man darf gespannt sein, wie der Weg von Julian Draxler weitergehen wird.

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