Rot-grün-weißes Wohnzimmer

Heimspiel-Tage sind immer etwas besonderes. Da wachst du schon mit einem Kribbeln in den Beinen auf und fragst dich, mit welchem Gefühl du spätabends ins Bett gehen wirst: Im Siegestaumel hineinfallen, vielleicht mit einem Bier zuviel im Gepäck, traurig wegen einer völlig unnötigen Niederlage (und vielleicht auch einem Bier zuviel im Gepäck), oder stinksauer, weil der Schiedsrichter / der Gegner / das eigene Team sich nicht so verhalten hat wie du es für angemessen hältst? 

Ich wohne im Herzen von Augsburg, fünf Gehminuten zum Verkehrsknotenpunkt Königsplatz, zur Feiermeile Maximilianstraße und zur Fußgängerzone. Ich brauche also nur einen Schritt vor die Wohnungstür zu machen, um mittendrin zu sein im Augsburger Flair, das an Spieltagen nochmal ein wenig anders ist. Es geht damit los, dass schon frühmorgens die Straßenbahnen beflaggt durch die Fuggerstadt fahren: Jede einzelne hat einen FCA-Wimpel vorne dran. (Es gibt sogar eine, die IMMER mit FCA-Wimpel fährt. Ob man den einfach nimmer abbekommt, ob der Fahrer darauf besteht, oder ob der Geist Helmut Hallers jede Nacht im Betriebshof herumspukt und auf irgendeine Bahn eine Fahne steckt, habe ich noch nicht rausgefunden.) Dieses untrügliche Zeichen verrät sogar den Fußballuninteressierten unter den Augsburgern (ich verstehe nicht wie, aber sowas soll’s geben…), dass heute was im Busch ist, und zwar lange bevor der erste Fan in Kluft das Haus verlässt.

Geht man dann an so einem Spieltag in die Stadt, trifft man meistens schon einige verstreute Gästefans. Als der BVB letzte Saison zu Gast war und im Hotel Drei Mohren in der Maxstraße logierte, war kein Durchkommen mehr, sobald der Mannschaftsbus vor dem Ausgang geparkt hatte. Ich musste damals eigentlich durch, bin dann aber großräumig ausgewichen, als ich die riesige schwsrz-gelbe Menschenwolke vorm Hotel sah. Das Hotel ist ohnehin sehr beliebt bei Gastmannschaften. Man hat von ahnungslosen Augsburgern gehört, die sich einen schönen Wellnesstag im Day Spa des Drei Mohren machen wollten und in der Sauna auf einen schwitzenden Felix Magath trafen, der 2011 mit den Wolfsburgern zu Gast war. Willkommen in der Bundesliga, werden die sich gedacht haben.

Willkommen in Augsburg sind dagegen natürlich alle Gastfans und -vereine, denn wie es in unserer Hymne heißt „Fußballfreundschaft ist für uns Pflicht“. Am liebsten sind uns dabei natürlich die, die sich gut benehmen und drei Punkte dalassen. Da man das vorher nie wissen kann, begegnen wir ihnen mit offenen Armen: Bei zahlreichen Heimspielen findet im Vorfeld eine Veranstaltung von „Augsburg Calling“ statt, einer Initiative, die Stadtführungen, Konzerte und gemeinsame Kneipenabende für Gäste- und Heimfans organisiert und so die Worte der Hymne in die Tat umsetzt. Nicht selten revanchieren sich die Gäste im Rückspiel oder zu folgenden Gelegenheiten mit „Re-Calling“-Veranstaltungen und zeigen sich auch sonst voll des Lobes über die Augsburger Gastfreundschaft. Unnötig zu erwähnen, dass „Augsburg Calling“ bereits mehrfach als großartige Idee ausgezeichnet wurde. Völlig zurecht natürlich!

Nicht unerwähnt bleiben darf aber auch, dass nicht alle Vereine und ihre Fans gleichermaßen willkommen sind. Es gibt durchaus Abstufungen in der Herzlichkeit, mit der begrüßt wird. So wird gern kolportiert, dass zu Rosenau-Zeiten vor Derbys mit den Münchener Löwen der geneigte FCA-Fan am Vorabend des Spiels gern mal etwas weiter weg geparkt hat, zufälligerweise vielleicht an der Rosenau, um so für eine gewisse Parkplatzknappheit für die Gäste aus der ungeliebten Nachbarstadt zu sorgen. Offiziell natürlich nur, weil er nach dem Spiel dringend ganz schnell weg und daher schon ganz früh nah am Stadion parken musste.

Und auch nur der Vollständigkeit halber: Natürlich ruht unsere Gastfreundschaft zwischen An- und Abpiff, denn da sind wir zu 1907% auf den FCA fokussiert, wir sind schließlich Augsburger, UND DIE NICHT!!!!

Am Spieltag geht’s bei mir spätestens 1,5h vor Anpfiff los. Schon immer ist mein Wohnzimmer der Treffpunkt für alle Freunde und Familienmitglieder, die an der Spieltagsgestaltung beteiligt sind. Mein Gatte ist schon drei Stunden vorm Anpfiff völlig gehetzt und drängt zum Aufbruch, getrieben von der Angst, nicht rechtzeitig mit allem Nötigen (Bier, Schnitzelsemmel) ausgestattet am Platz zu sein. Verstehen kann ich das nie, schließlich hat er als Angehöriger der Sitzkissenfraktion eine Dauerkarte für einen Sitzplatz, da reicht’s notfalls eine Minute vor Spielbeginn den Platz einzunehmen. Ich dagegen im Stehblock habe ein gesundes Interesse an einer rechtzeitigen Ankunft, denn der Platz im Block nimmt umgekehrt proportional zur verbleibenden Zeit bis Anpfiff ab. Und man macht sich besonders beliebt bei den Randstehern, wenn man immer erst kurz vor knapp kommt. Im Zweifel hat man da besser ein Bier für sie dabei.

Ich gebe aber zu, seit die Hälfte der fußballerischen Doppelspitze der Familie, mein Schwesterherz, ins Allgäu gezogen ist (berufsbedingt, sowas machsch ja ned freiwillig…), ist die Sorge des Gatten um den rechtzeitigen Aufbruch nicht immer unbegründet, denn Verkehrs- und Parkplatzsituation haben schon manchmal zu flexibleren Treffpunkten (an der Straßenbahnhaltestelle, in der Straßenbahn, vorm Stadion, im Block) geführt. Meistens sind sie und alle anderen Begleiter aber pünktlich T-2 Stunden zur Stelle, dann wird noch das Outfit aller Beteiligten begutachtet, nachgebessert (besonders Neulinge im Geschäft nehmen gerne jeden Faux-pas mit: „brennt dir da Huat, du kannsch doch ned mit der blauen Jacke zum Schalkespiel in Block!“ – „Wieso?“ – *facepalm* „Da, zieh die an, des siggsch nacherd glei wieso des ned geht…“), die nötigen Karten kontrolliert (Dauerkarten, Tickets der Ausnahmsweise-Mitgeher, Mitgliedsausweise, Aufladekarten, und bei Europaleague-Spielen neuerdings auch noch die Dauerkarte Plus…) und dann kann’s losgehen.

Wir fahren immer am Theodor-Heuss-Platz los, wo schon die erste Herausforderung beginnt: Die Stadiontrams vom Königsplatz, wo sich fast alle Bus- und Straßenbahnlinien treffen und somit die meisten Fans zusammenkommen sind meistens schon voll wie Sardinenbüchsen, weswegen wir sie liebevoll „d’Büx“ nennen. Wir wenden einen Trick an. Ich bin nicht sicher, ob es klug ist, den an dieser Stelle zu verraten, aber das seh ich dann beim nächsten Heimspiel: Wir fahren mit einer anderen, also einer Nicht-Stadion-Bahn, zum Roten Tor, und steigen dort erst in die Büx zur Fußball-Arena. Da kommen nämlich neben den Bahnen vom Hauptbahnhof und Königsplatz auch völlig jungfräuliche aus dem nahegelegenen Betriebshof an, so dass wir bei der Hinfahrt meist freie Platzwahl und zunächst eine fast leere Tram genießen. Die füllt sich spätestens an der Haunstetter Straße, wo der Regionalbahnhof und die Schwarze Kiste für einen weiteren Fanschwall sorgen. An der Schwarzen Kiste ist an Heimspiel-Tagen immer was los, völlig zurecht, da lässt’s sich bei gutem Bier, hervorragenden Burgern und leckerem Kaffee gut auf Stadionverabredungen warten.

An den weiteren Haltestellen sammelt die Büx dann weitere verstreue Fans ein, vor allem an der FOS/BOS steigen nochmal viele zu, die die dortigen Parkplätze nutzen statt die völlig unschwäbischen Parkgebühren am Stadion zu bezahlen. Ab der Universität wird’s dann besonders gemütlich, also voll, denn am Unikum treffen sich gern die Augsburger Ultras vorm Spiel, um die Kehlen für 90 Minuten Support zu ölen.

Spätestens dort wird die Weiterfahrt gern zur Geduldsprobe für Fahrer und Fans, denn mancher Fanschal oder Fanpopo hängt mal in der Lichtschranke, so dass sich die Türen nicht schließen lassen. Da zeigt sich dann der Charakter der Augsburger Straßenbahnfahrer von seiner besten Seite: Die Zugezogenen unter ihnen sind vielleicht noch ruhig und freundlich („Bitte machen Sie die Türbereiche frei, damit wir weiterfahren können“), während der Ur-Augsburger direkt Tacheles redet („Zeffix, raus aus dr Lichtschrank du Grattler!“). Besonders gern erinnere ich mich an ein Heimspiel gegen den HSV zurück, damals in der ersten Bundesliga-Saison des FCA. Da war die Bahn voll und bunt gemischt rot-grün-weiß und schwarz-weiß-blau, und an der Haltestelle Bukowina-Institut ging plötzlich nix mehr. Der Fahrer schien sicher: Die Bahn ist hin, ich krieg die Türe nicht zu. Er bat alle Fahrgäste, auszusteigen, und als sich die meisten nach draußen bewegt hatten, vor allem alle HSV-Fans, lief die Büx plötzlich wieder Wir waren noch drin und erfreuten uns an den fassungslosen Blicken der Hamburger, als der Fahrer die Türen mit den Worten „Hoi, geht doch no!“ vor ihrer Nase schloss und die FCA-Fans im Inneren weiter zum Stadion fuhr. Ob Absicht oder Zufall, und warum er sie nicht mehr einsteigen ließ, wird für immer sein Geheimnis bleiben.

Kurz nach der Universität kann man dann erstmals das Stadion sehen. Früher SGL- heute WWK-Arena, für die dem Kommerzkritiker einfach das Lechfeldstadion, egal wie man den Augsburger Fußball-Tempel nennt, er ist schon ein Schmuckstück. Eine Fassade hat er bis heute nicht (nötig), sieht daher immer ein wenig unfertig aus, aber Stadt und Verein haben sich drauf geeinigt, dass man das Geld lieber dafür investiert, dass drinnen weiter erstklassiger Fußball gespielt wird. Wenn mal was übrig ist (haha, als hätte der Schwob je a Geld übrig…) gibt’s vielleicht mal eine Fassade. Nach dem Millionentransfer von Abdul Rahman Baba auf die Insel wurde zwar der Bau einer „Babasade“ vorgeschlagen, aber auch da ist nix passiert. Lieber gab’s eine Rasenheizung für die Trainingsplätze am Stadion und ein paar neue Spieler. Auch nicht schlecht.

Wer sich besonders beliebt machen oder seinen Optimismus zur Schau tragen will, versucht übrigens an der letzten Haltestelle vorm Stadion zuzusteigen. Entweder muss man sich dann in die ohnehin schon proppenvolle Büx quetschen und sich anhören, dass man die drei Meter nun wirklich hätte laufen können, oder man muss die drei Meter am Ende doch laufen, weil die meisten Bahnen, voll wie sie sind, einfach durchfahren. Noch beliebter sind nur die, die sich nach dem Spiel wieder reindrücken, am besten auf einen Sitzplatz, um dann an der nächsten Haltestelle auszusteigen. Da fällt einem dann gar nix mehr ein, während man sich mühsam aus der Bahn drückt, den Grattler unter wüsten Beschimpfungen raus lässt und sich dann wieder hineinsortiert.

Am Stadion angekommen fährt die Tram einen schönen Bogen, spuckt die rot-grün-weiße Fanschar aus und fährt zurück, um die nächsten einzusammeln, während das Publikum zur Arena pilgert, über einen großzügigen Fußweg, unter der B17 Brücke durch, unter der sich die Ultras mit Graffiti verweigt haben, und dann über eine Brücke über der Landstraße hinweg. Viele bleiben hier stehen um ein Foto von der schönen Arena zu machen, manche, vor allem Herren jüngeren Alters, auch, um ihr Wegbier, das inzwischen in die Blase gewandert ist, loszuwerden. Anständigerweise pinkeln sie aber von der Arena abgewandt. Die leeren Wegbierflaschen sind auch schnell in die Taschen der Pfandsammler entsorgt, und dann geht’s doppelt erleichtert Richtung Stadion.

Dort gibt’s bereits zahlreiche Treffpunkte um noch fehlende Freunde einzusammeln, zum Beispiel bietet sich das Stadionkurierhäusle immer an, denn da muss man eh vorbei um sich den Stadionkurier abzuholen. Praktischerweise gibt’s den für Vereinsmitglieder jetzt gratis gegen Vorlage des Mitgliedsausweises. Früher kam ich selten in den Genuß, da ich notorisch die Zettel verloren oder vergessen hatte, die man als Mitglied für den kostenlosen Erhalt eintauschen musste. Manchmal hab ich es dann unter mühevoller Unterdrückung meiner schwäbischen Seele gekauft. Dass diese Zeiten nun vorbei sind, lässt mich viel ruhiger schlafen.

Das nächste Highlight auf dem Weg in den Block steht unmittelbar bevor: Die Wartetraube vorm Eingang. Die Angaben, welcher Eingang für welche Blöcke gemeint ist, sind eher als Vorschläge zu verstehen. Manchmal muss man sich da schon taktisch einreihen, z.B. wenn die Fraueneingänge mal wieder hoffnungslos überlastet sind – wobei es auch oft vorkommt, dass man als weiblicher Fan ganz fix durch ist und dann Ewigkeiten auf die Kerle warten muss. Wovon das abhängt ist mir noch unklar. Ich vermute einen Einfluss der Mondphasen.

Nun ist mal endlich drin, aber steht schon wieder in der Schlange, denn nun muss ja die Stadionkarte aufgeladen werden. Wie vielen Stadien der Bundesliga hat die Augsburger Arena auf bargeldlose Kioske umgestellt, so dass jeder mit Hunger auf Stadionwurst oder Durst auf Stadionbier erstmal sein Kärtchen aufladen muss, und zwar am Ende der langen Reihe bei dem Menschen mit dem grünen Jäckchen. Das nervt kolossal, vor allem wenn man knapp dran ist, aber man hat ja auch immer wieder vergessen, wie viel Guthaben noch drauf war nach dem letzten Spiel, und lädt deswegen immer nochmal auf. Da wären Automaten oder zumindest fest installierte Checkstationen praktisch, wo man einfach gucken kann, ob sich’s lohnt, nochmal anzustehen… Aber nein. Gibt’s nicht.

Noch mehr nervt das System übrigens nur Gästefans, die maximal einmal im Jahr nach Augsburg kommen und nach dem Spiel vielleicht vergessen oder nicht viel Zeit haben, die Karte wieder gegen das Restgeld umzutauschen. Fleißige Auswärtsfahrer sammeln sich da einen immensen Vorrat an Plastikkärtchen an. Aber ich vermute, dass da der Vorteil des Systems steckt… Nur nur ein Bruchteil der Karten werden wieder umgetauscht, so bleibt das Geld beim Verein. Wir sind ja ned blöd in Schwaben!

Nächster Halt: Kiosk, Stadionwurst und Bier holen. Seit der letzten Saison hat man da vorm Spiel ein wunderbar entspanntes Erlebnis und kann sich den Verkäufer quasi aussuchen, weil zumindest vor den Stehblöcken erfreulich wenig los ist. Wahrscheinlich verteilt sich’s einfach gut. Natürlich gibt’s eine große Auswahl an Snacks, selbst die Stadionwurst kennt die Ausprägungen rot, weiß, „FCA Knacker“ und sogar Currywurst. Letztere hat meines Wissens am wenigsten Fans. Ist jetzt auch nicht die Augsburger Kernkompetenz, Currywurst zu braten. Wer’s fleischlos mag, kann Pommes schnabulieren, und an anderen Verkaufsständen gibt’s sogar Pizza, Brezn, Schnitzel- und Steaksemmeln. Kulinarisch betrachtet ist also einiges geboten.

Am Stadionbier der Augsburger Riegele-Brauerei scheiden sich die Geister. Es gibt Befürworter, Bejammerer und solche, die es am Liebsten durch die Luft werfen, bevorzugt nach Toren oder unpopulären Schiri-Entscheidungen. Allerdings haben Bierduschen im Block merklich abgenommen, seit seitens des Vereins mitgeteilt wurde, dass das Bier zum Verzehr und nicht zur Untermalung der Stimmung ausgeschenkt wird, vor allem nicht unter Einbeziehung der weiter unten stehenden Fans. Ich muss sagen, ich schätze es sehr, nicht mehr nach jedem Spiel auszusehen und zu riechen als wäre ich gerade aus dem Bierfass gestiegen. Vor allem im Winter war das ein weniger angenehmer Aspekt eines Stadionbesuchs, obwohl die pflegende Wirkung von Bier auf die Haare mir natürlich bekannt ist.

Ich für meinen Teil halte mich meist ans Radler, aber dass ich sonst nicht bis zum Schlusspfiff vollumfänglich aufnahmebereit für die Ereignisse auf dem Spielfeld bin, ist ja eher mein persönliches Problem. Das Radler schmeckt aber auch. Zum Glück.

Was eher nicht so schmeckt, ist das alkoholfreie Bier, dass mancher freiwillig, bei Europapokal-Spielen aber alle unfreiwillig trinken müssen. Das hat so manchen echauffiert beim ersten Heimspiel in der Europa League. Leider wird’s nicht besser, wenn man’s als Radler trinkt. Aber gleich Spezi zu trinken wäre auch absurd, wir jammern also auch bei den verbleibenden internationalen Heimspielen über die erzwungene Abstinenz. Wir sind schließlich Augsburger.

Jetzt aber auf in den Block, der zumindest bei den Stehblöcken immer schon gut gefüllt ist, wenn ich komme. Ich weiß nicht, wie die das alle machen, bei manchen bin ich inzwischen sogar fast sicher, dass sie eigentlich im Block wohnen, denn sie sind IMMER schon da. Aber man kennt sich inzwischen gut, begrüßt alle fröhlich, quetscht sich durch und bringt dem einen oder anderen mal ein Bierchen mit, weil er immer ein Plätzchen freihält für die beiden klein gewachsenen Schwestern, die notorisch später kommen als man müsste, wenn man eine gute Sicht haben will. Dann wird noch mit den Blockbekanntschaften über Aufstellung, Rasenverhältnisse, Taktik, Schiedsrichter und Gegner gefachsimpelt, während die Spieler zum Aufwärmen auf den Rasen kommen und mit großem Jubel begrüßt werden.

Irgendwann vor dem Spiel ertönt ein weiterer Beleg für die Augsburger Fußballgastfreundschaft, nämlich die Vereinshymne der Gäste. Das ist nicht selbstverständlich und passiert meines Wissen außer in Augsburg nur in wenigen anderen Stadien.

Was auch sonst niemand hat ist der ganz spezielle Tipp vorm Spiel, der von niemand geringerem als dem Kasperl aus der Augsburger Puppenkiste abgegeben wird. Vor jedem Heimspiel produziert die Puppenkiste diesen kurzen Clip mit ein paar freundlichen Seitenhieben auf den jeweiligen Gegner, die der wahrscheinlich gar nicht versteht, weil der Kasperl natürlich breitestes Augschburgerisch spricht. Da lauscht dann das ganze Stadion. Leider versteht der Kasperl nicht viel vom Fußball. Ginge es nach ihm würde der FCA regelmäßig um die deutsche Meisterschaft mitspielen, er tippt nämlich immer auf Sieg für den FCA. Und soviel sei verraten: Er hat so gut wie nie Recht. Selbst wenn der FCA gewinnt, steht in den seltensten Fällen das Ergebnis auf der Tafel, das der Kasperl getippt hat – an der Stelle sollte also jeder nochmal Änderungen vornehmen, der zufällig das gleiche Ergebnis in seiner Tipprunde vorhergesagt hat.

Und irgendwann ist es dann kurz vor Anpfiff geworden, die Werbebanner auf dem Mittelkreis werden eingeholt, der Stadionsprecher Rolf Störmann betritt den Rasen, begrüßt unter Jubel die Heimfans, unter Pfiffen die Gäste und verkündet die Aufstellung. Anders als bei vielen anderen Vereinen herrscht im Augsburger Publikum noch keine Einigkeit darüber, welcher der Spieler der Fußballgott beim FCA ist, so dass wahlweise Daniel Baier, Sascha Mölders oder auch Jan-Ingwer Callsen-Bracker den Titel aus verschiedenen Ecken der Kurve angehängt bekommen. Bei uns herrscht eben Polytheismus.

Nun ist es höchste Zeit für die FCA-Hymne „Rot-Grün-Weiß“, und auch hier unterscheidet sich der FCA angenehm von anderen Clubs. In den meisten Stadien wird eine wahre Fahnenparade in den Vereinsfarben aufgeführt, die fast militärisch anmutet, und zur Hymne wird pathetisch geschwenkt was das Zeug hält. Bei uns wird auch gewedelt, allerdings mit kleinen Fahnen und nicht im Spalier, sondern vom FCA Kids Club, dessen kleine Vertreter eine große Runde über den Rasen drehen und dabei auf die Ränge mit Händen und Fähnchen hochwinken. Sind Gästekinder anwesend, dürfen die mitlaufen und natürlich ihre eigenen Fahnen schwenken. Wie gesagt, Fußballfreundschaft ist für uns Pflicht. Drum wird auch allen Kindern von den Rängen herunter zurückgewunken, manchmal sogar aus dem Gästeblock – die bekommen aber im Rahmen der dritten Strophe der Vereinshyme direkt mitgeteilt, und zwar von jedem Augsburger im Stadion, dass ab Anpfiff Schluss ist mit Gastfreundschaft, da gibt’s für uns nur den FCA, denn wir sind Augsburger, und DIE NICHT! (Ich frag mich immer ob denen klar ist, dass das für uns durchaus ein bemitleidenswerter Zustand ist, aber ich glaube, es ist ihnen wurscht. Auch ok.)

Und dann kommen ENDLICH die Mannschaften aufs Feld, zum Soundtrack von „Fluch der Karibik“ und natürlich wieder unter großem Jubel – und zu besonderen Gelegenheiten auch von den Rängen begrüßt mit einer Choreo. Da übertreffen sich die Augsburger Ultras immer wieder selbst, zuletzt beeindruckten sie Fußballeuropa mit einer gigantischen rot-grün-weiß umrahmten Europakarte, in die ein römischer Legionär seine Standarte steckte, in Anspielung auf das selbstironische Europapokal-Motto des Vereins „(In Europa kennt uns) #keineSau“ natürlich dorthin, wo Augsburg sich befindet. Das Ganze dann mit der Unterschrift „Seht ihr diese Pracht, Augsburg ist erwacht“ – ganz herrlich und an der Stelle nochmal ein dicken DANKE an diejenigen, die dafür gesorgt haben, dass die Choreo trotz des tragischen Unfalltods ihrer Hauptinitiatoren noch umgesetzt wurde. Das war in jeder Hinsicht großartig von allen Beteiligten.

(Wer’s noch nicht gesehen hat: Hier lang.)

Sobald die Kapitäne die Geschenke ausgetauscht haben, kann’s dann endlich losgehen. Auch hier gibt’s beim FCA eine Sonderlocke: Statt dem üblichen Vereinswimpel überreicht Paul Verhaegh eine Marionette der Augsburger Puppenkiste.

Jetzt ist aber Anpfiff. Wenn’s gut läuft, ertönt mehrfach die Augsburger Torhymne (auch da sorgt mit einer großartigen Rockversion von „Eine Insel mit zwei Bergen“ die Puppenkiste für eine Augsburger Einzigartigkeit), und der legendäre ehemalige Platzwart der Rosenau, der Wagner Josef, zeigt in einer Videoaufnahme von der alten Rosenau den neuen Spielstand. Der Abschied vom alten Rosenaustadion mit seinem geschichtsträchtigen Charme und der altertümlichen Anzeigetafel, an die der Spielstand noch mit großen Tafeln und beiden Händen gehängt wurde, fiel den Augsburgern nicht leicht. Daher erinnern diese kurzen Videos vom guten alten Wagner Josef an die Zeiten, in denen der FCA noch in der Rosenau daheim war. Und natürlich an den Wagner Josef selbst, der leider 2014 verstorben ist.

Egal wie’s läuft, im Block ist immer Stimmung, man ist durchgehend beschäftigt mit Singen, Klatschen, Diskutieren, Schimpfen, Pöbeln, Fachsimpeln oder, im besten Falle, Jubeln. Ab und zu drückt sich einer vorbei, weil Ausflüge von ihm zur Toilette oder an den Bierstand den Ruf haben, Torerfolge zu forcieren, oder weil einfach Nachschub für die beanspruchten Kehlen gebraucht wird. Diese 90 Minuten sind jedem, der regelmäßig ins Stadion kommt, heilig, ein kurzer Ausflug in den rot-grün-weißen Fußballhimmel, auch wenn der nicht immer im Siegesjubel endet. Aber wir kommen doch immer wieder, egal ob’s regnet, stürmt, schneit, ob die Sonne runterbrennt oder die Füße ab der Halbzeit vor Kälte nicht mehr zu spüren sind, denn wen’s einmal gepackt hat, der kann beim Heimspiel nicht daheim auf der Couch sitzen, der muss dabei sein.

Nach Siegen wird natürlich nach Abpfiff ausgiebig mit der Mannschaft gefeiert, mit „Auf-die-Knie“-Tänzen und Humpa-Tätärä, aber auch nach Niederlagen wird in Augsburg nicht gepfiffen – zumindest nicht ausm Fanblock. Das Motto „Wir stehen treu zu unserem Team“ wird hochgehalten, und die Spieler danken es durch unermüdlichen Einsatz und Kampfeswillen. Nicht immer erfolgreich, nicht immer schön, aber immer Augsburg. Und drum kommen wir immer wieder ins rot-grün-weiße Wohnzimmer. Denn wir sind Augsburger.

(dieser Blogbeitrag ist auch als Teil der Blogparade „Augsburg bloggt“ in meinem Blog „Wer FCA sagt“ erschienen.)

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